Lift-off für die großartige Weltraum-Ausstellung „Outer Space“ in Bonn

Im August 2011 hörte ich zum ersten Mal von der geplanten Weltraum-Ausstellung in der Bundeskunsthalle und je näher der Oktober 2014 rückte, desto mehr stieg die Vorfreude auf „Outer Space – Faszination Weltraum“. Besonders durch Interviews mit den beiden Kuratoren Stephan Andreae (auch für meinen Blog) und Claudia Dichter, die Landung der Liberty Bell 7 oder der Ariane 5 mitten in Bonn, und erst recht durch den Pressetermin Ende August, wo die Ausstellung erstmals ausführlich vorgestellt wurde. Und dann war er tatsächlich da: der 02. Oktober, an dem zunächst die Presse und abends zu der Eröffnungsveranstaltung auch die Öffentlichkeit bei freiem Eintritt die unendlichen Weiten von 15 Ausstellungsräumen entdecken konnte. Drei Hobbyastronomen des Köln-Bonner-Astrotreff (KBA)Paul Hombach, Daniel Fischer und ich – nutzten so gleich mehrfach die Gelegenheit in den „Outer Space“ abzuheben und mischten sich schon vormittags unter die Leute von Funk und Fernsehen.

Extra für den Eröffnungstag hatte das DLR noch ihren aufblasbaren Astronauten mitgebracht und im Foyer des Museums gab es bereits eine detailgetreue ISS eines Modellbauers aus Niederkassel zu entdecken. Wie passend zum Tor zu den Sternen wartet vor der Tür zur Ausstellung ein Space Shuttle inkl. Crawler aus Schaumpappe eines New Yorker Künstlers, ein paar Schritte weiter schwebt man dann schon schwerelos durch den Weltraum und reist mit ihm gleichermaßen durch die Menschheitsgeschichte. Die nachfolgenden 18 Bilder sind nur eine kleine Auswahl meiner Fotos, zeigen aber sehr schön, wie breit gefächert das Spektrum in der wunerbaren Ausstellung ist und wie gekonnt die Macher und Kuratoren von „Outer Space – Faszination Weltraum“ ihr Leitmotiv „Der Weltraum zwischen Kunst und Wissenschaft“ umgesetzt haben.

Kunstgeschichte, Raumfahrtgeschichte, Astronomiegeschichte, Technikgeschichte, Science-Fiction-Geschichte und zeitgenössische Kunst – diese sprichwörtlich All-umfassende Ausstellung verbindet einfach All-es. Oder wie es schon die „Welt am Sonntag“ so treffend formulierte: „“Outer Space“ ist eine unverwechselbare Schau geworden, weil sich hier Fakten und Fiktion, Kunst und Wissenschaft wirklich auf Augenhöhe begegnen.“ Schon im ersten Ausstellungsraum trifft man auf den bekannten Meteoriten Ensisheim, das Universum in der Nußschale, die Himmelsscheibe von Nebra und die wunderschöne „Die Geburt der Milchstraße“ von Rubens. Davor steht eine leere Vitrine, in die am 08. Dezember der deutsche Astronaut Alexander Gerst eine zur ISS mitgenommene Bundesbiene vom Dachgarten, legen wird. Im nächsten Raum steht eine kaputte und verbeulte Spitze einer V2, die auf mich eher wie ein Kunstgegenstand wirkte. Auf der großen Wand hinter ihr läuft ein Countdown für eine Sojus in Baikonur in Endlosschleife ab und regelmäßig ist der krachende Lärm des Raketenstarts in der ganzen Ausstellung zu hören. Hier finden sich auch Visionär Oberth, Pionier von Braun und Psychiatriepatient Janke, dessen Raumfahrt-Visionen nie die DDR-Anstaltsmauern verlassen hatten. Wie die Wissenschaft die Kunst beeinflusst, sieht man aber noch an vielen Stellen in den insgesamt 15 Ausstellungsräumen. Ob eine strahlende Sonne oder gleich das ganze expandierende Universum, ob Briefe von sterbenden Sternen oder eine sehr assoziative Installation in Form eines Bettes, „in dem Neil Armstrong in seiner ersten Nacht nach der Rückkehr vom Mond schlief“ (so der vollständige Name) – der Weltraum beflügelt auch heute noch Künstler auf der ganzen Welt. Und in diesem wunderbaren Kontext zeigt sich selbst das Triebwerk einer Ariane 4 von seiner künstlerischen und ästhetischen Seite, man hat kaum mehr eine Vorstellung davon, dass diese Ingenieurskunst eigentlich über 2 Millionen PS Leistung liefert.

Angesichts von gezeichneten Marskarten, bemalten Himmelsgloben, alten Teleskopen, gedruckten Sternkarten und den ersten Mondzeichnungen, die vom Künstler Galileo Galilei stammen, wird ebenfalls deutlich, dass frühere Astronomen in gewisser Weise auch künstlerisch arbeiteten. Galileis Darstellungen, enthalten in einer Ausgabe von 1953 seines berühmten „Siderus Nuncius“, sind außerdem mit einem Gemälde seines Prozesses von 1633 und einem formatfüllenden Foto des Jupitermonds Io sehr schön in Szene gesetzt. Und mit Aquarellfarben gestaltete Entwürfe für die sowjetische Raumfahrt ist zu sehen, dass Kunst und Wissenschaft/Technik selbst in der Gegenwart nicht so weit auseinander liegen wie man zuerst vermutet. Zwar ist die 1964 skizzierte „Lunniy Korabl“ nie auf dem Mond gelandet und dennoch erhält man mit diesen Arbeiten Galina Balaschowas Einblicke in einen völlig unbekannten Aspekt der bemannten Raumfahrt. In der Ausstellung wird an vielen Stellen mit zahlreichen interessanten Exponaten – u.a. mit verschiedenen Raumanzügen, tierischen Raumfahrt-Pionieren, der bekannten weißen Weste zu Apollo 13, Sigmund Jähns Experimenten oder Reinhold Ewalds Socken – Raumfahrt präsentiert. Für Technikfreunde wie für Geschichtsinteressierte dürfte die Mercury-Kapsel Liberty Bell 7 ein Highlight darstellen, mit dem gleichermaßen an den tragischen Helden Gus Grissom erinnert wird. Mit dieser kleinen Kapsel wurde Grissom im Juli 1961 während einer 15-minütigen Mission zum zweiten Amerikaner im Weltraum. Und wenn man schließlich davor steht, kommt einem plötzlich wieder John Glenns amüsanter Satz in den Sinn: „You don’t climb into the Mercury spacecraft, you put it on.“

In „Outer Space – Faszination Weltraum“ hat natürlich auch die Science-Fiction ihren festen Platz. Von E.T. über die ikonische Horrorgestalt des in diesem Jahr verstorbenen H. R. Giger aus den „Alien“-Filmen bis zum berühmten Bügeleisen des TV-Raumschiffs Orion ist hier einiges zu finden. Und C3Po aus „Star Wars“ habe ich auch noch nie so glänzend gesehen, im richtigen Winkel zum spiegelnden Glas kommt er sogar besonders strahlend zur Geltung. Eine Science-Fiction-Geschichte von 1629 – Francis Godwins „The Man in the Moone“ („Der Mann im Mond“) – ist sogar Ausgangspunkt eines skurrilen Projekts der Kölner Künstlerin Agnes-Meyer-Brandis geworden. Sie beobachtete die Aufzucht von elf Gänsen vom Schlüpfen aus ihren Eiern, die sie mit Namen aus der Raumfahrt (z.b. Buzz, Valentina, Konstantin, Friede) beschriftete, bis zur Flugtauglichkeit. Denn im norditalienischen „Spaceport Pollinaria“ will die Gänsemutter sie ganz nach der literarischen Vorlage zu Mondgänsen ausbilden. Und auch in diesem Ausstellungsraum verschwimmen wiederum Fiktion und Wirklichkeit, wenn man nebeneinander eine Gänsefeder und ein Foto von Apollo 15 mit der bekannten Feder-Hammer-Demonstration auf dem Mond sieht. In den zwei übrigen von Künstlern gestalteten Räumen wird an den ersten Toten der Raumfahrt, Wladimir Komarow, gedacht und mit der Installation „The Man Who Flew into Space from his Apartment“ sieht man, wie sich jemand direkt durch die Zimmerdecke in den Weltraum katapultiert hat und so zugleich dem Kommunismus entkam.

Durch seinen interaktiven Charakter ist der rötlich glänzende Himmelsglobus für mich definitiv das Highlight der großartigen Bonner Weltraum-Ausstellung. Diese aus Kirschholz gefertigte Kugel besteht aus insgesamt 2.800 Holzstücken, die der in Düsseldorf lebende japanische Künstler Hiroyuki Masuyama drei Monate lang geschliffen und poliert hat. Die Kugel misst zwar nur 1,9 Meter im Durchmesser, doch ich empfehle jedem, der nicht allzu klaustrophisch veranlagt ist, dort hineinzugehen. Wenn man durch die kleine Luke in das Schwarze Loch steigt und die Klappe hinter einem blickdicht schließt, ist man plötzlich in der stockfinsteren Nacht von 30.000 Sternen umgeben. Tausende in das Holz gestochene Löcher mit Glasfasern machen das Universum in der Holzkugel möglich. Wenn man sich am Himmel auskennt, reicht ein gefundenes Sternbild zur Orientierung und man findet weitere. Und wie mein Bild zeigt, kann man den Großen Wagen inkl. Polarstern hier sogar am Taghimmel fotografieren. Wie in einer Höhle hallt es in dem Himmelsglobus, was die Naturerfahrung noch lebendiger macht. Unzählige Sterne über dem Kopf, zu den Seiten und unter einem; man sitzt oder liegt also tatsächlich auf den Sternbildern des Südhimmels. Ich kam mir wie in einer engen, kleinen Raumkapsel vor und hatte gleichzeitig – egal wohin ich sah – die unendlichen Weiten des Nachthimmels vor Augen und doch die Sterne wirklich zum Greifen nah! Es ist wie beim echten Sternhimmel: Sowas lässt sich schwer in Worte fassen, jeder muss ihn für sich selbst entdecken. Die paar Minuten vergingen wie im Flug – hallo Relativitätstheorie – und schon ist man wieder auf dem Boden der Tatsachen. Dieses Kunstobjekt ist ein fantastisches Naturerlebnis!

Zwischen meinen beiden Vorbesichtigungen der Ausstellung fand noch eine Pressekonferenz statt. Für das DLR, das mit 13 Exponaten in der Schau vertreten ist, war Sabine Hoffmann, Leiterin der Abteilung Kommunikation, anwesend. Mit einem Zitat Albert Einsteins brachte sie das Leitmotiv von „Outer Space“ sehr schön zum Ausdruck: „Das Schönste, was wir erfahren können, ist das Mysteriöse. Es ist der Quell aller wahren Kunst und Wissenschaft.“ Erwähnung fand auch der Rosetta-Lander Philae, den sie als „ingenieurwissenschaftliche Kunst“ bezeichnete und zu dessen Landung auf dem Kometen am 12. November auch in der Bundeskunsthalle eine Veranstaltung stattfindet. Anschließend berichtete Kuratorin Claudia Dichter ausführlich über die Entstehung der Weltraum-Ausstellung. Sie erläuterte nochmal, dass es ihr und ihrem Kollegen Stephan Andreae nicht so sehr um Fakten und Wissen ging, vielmehr sollte das „Faszinosum“ im Mittelpunkt stehen. Für die Kunsthistorikerin ist der Weltraum und die damit verbundene Neugier und der Forschergeist seit Menschengedenken eine „anthropologische Konstante“. Wie mir beim zweiten Gang durch die Ausstellung klar wurde, lässt sich das auch von der Kunst sagen, denn schon seit jeher formt und baut der Mensch mit seinen Händen. So sind in meinen Augen die anthropologischen Konstanten Kunst und Wissenschaft noch mehr miteinander verbunden.

Dichter erzählte auch, wie am Vortrag der deutsche Raumfahrer Reinhold Ewald mit „leuchtenden Augen“ aus dem hölzernen Himmelsglobus stieg und den Anblick mit „schwarzem Samt“ verglich; so wie tatsächlich Astronauten den im All sichtbaren Sternhimmel beschreiben. Während der Pressekonferenz gab es auch Beifall, als die Kuratorin auf die mit Aquarellfarben gestalteten Raumfahrt-Entwürfe von Galina Balaschowa zu sprechen kam. Die 83-Jährige und ihr Enkel waren der Einladung zur Ausstellungseröffnung gefolgt und einige Tage zuvor aus Moskau angereist. Balaschowa, über die diesen Monat auch ein Buch erschienen ist, studierte ab 1949 Architektur und arbeitete ab Herbst 1964 als Innenarchitektin für die sowjetische Raumfahrt, wobei sie beispielsweise die funktionale Innenraumgestaltung für die Sojus-Kapsel und die Raumstation Mir entwarf. Nach Bonn durfte sie nur Skizzen mitbringen, die sie aber vor Ort nachkoloriert hat und so sind echte Originale in der Ausstellung zu sehen.

Am Abend hatte die Eröffnung der Weltraum-Ausstellung dann ihren öffentlichen Höhepunkt. Die eingeladenen deutschen Astronauten Ewald und Thiele kamen wegen Staus leider zu spät, was aber ein perfekten Auftakt zur Veranstaltung lieferte. Denn als die beiden Kuratoren im August 2010 im Stau standen, wurde die Idee zu „Outer Space – Faszination Weltraum“ geboren. Und so bekommt Bonn nun endlich die Ausstellung, die es schon vor beinahe 25 Jahren geben sollte, denn bereits damals zur Eröffnung des Museums wollte man eine interdisziplinäre Schau zum Thema Weltraum zeigen. Dazu kann ich nur sagen: Das Warten hat sich mehr als gelohnt! Zum Abschluss der einstündigen Veranstaltung gab’s noch einen aufgezeichneten Gruß von Alexander Gerst, der die in Acryl gegossene Bundesbiene schwerelos durch den Raum schweben ließ und die er zu seiner Welcome-Home-Party am 08. Dezember in ihre Vitrine legen wird. Damit war dann „Outer Space – Faszination Weltraum“ auch für die Öffentlichkeit geöffnet.

Die sehenswerte Ausstellung ist jetzt noch genau vier Monate lang bis zum 22. Februar 2015 in Bonn zu sehen und ein unbedingtes Muss für jeden, der sich in irgendeiner Form für den Weltraum interessiert. Es lohnt sich nicht etwas speziell hervorzuheben, denn hier passt einfach alles perfekt zusammen – besonders Kunst und Wissenschaft.

22.10.2014

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