Archiv für Januar 2014

Die beiden aktuell hellsten Supernovae beim Großen Wagen

Nach der ersten Supernova-Beobachtung in M 82 am vergangenen Mittwoch, gab es in der Nacht auf Montag ein spontanes Wiedersehen. Denn was macht man, wenn man einfach nicht schlafen kann? Klar, man nutzt eine Wolkenlücke und stellt um halb 4 noch schnell den kleinen Refraktor auf die Terrasse, um eine 12 Millionen Jahre alte Sternexplosion zu sehen. Mit 11,0mag war die Supernova 2014J nun doppelt so hell wie zur Entdeckung, was die Beobachtung mit 80mm Öffnung deutlich einfacher machte. Bereits bei 27x blitzte der „neue Stern“ indirekt auf und zeigte sich am besten mit 44x, eine Helligkeitsschätzung ist jedoch bei diesem kleinen Instrument weiterhin nicht so leicht.

Gestern Abend sah es wolkentechnisch nochmal besser aus, so dass ich in der späten Dämmerung diesmal den 12-Zöller rausholte. Bei 37,5-facher Vergrößerung fiel SN 2014J sofort mit den anderen hellen Sternen bei M 82 sofort ins Auge. Die in den grauen länglichen Fleck eingebettete Supernova hob sich mittlerweile wunderbar von dem Hintergrund der hellen Galaxie ab. Ich beobachtete die 2014J, während genau eine Woche zuvor auf einer Sternwarte in London das Entdeckerfoto gemacht wurde. Mit einem vergleichbar hellen Nachbarstern schätzte ich ihre Helligkeit sofort auf 10,6 oder sogar 10,5mag. Bei einer späteren Beobachtung zwischen 23:00 und 23:30 MEZ setzte ich höhere Vergrößerung ein, so dass ich die Supernova-Helligkeit viel besser auf eher 10,7mag schätzte, was sehr gut auch zu den anderen visuellen Beobachtungen passt. Umgerechnet auf die Entfernung von 12 Millionen Lichtjahren bedeutet das aktuell eine Leuchtkraft von 600 Millionen Sonnen; die Abschwächung durch Staub ist noch unberücksichtigt. Theoretisch müsste sie jetzt immer noch ganze zwei Größenklassen heller werden, aber wie schon hier beschrieben, wird ihr Licht deutlich abgeschwächt. Nun wird sich zeigen, wie hell das Maximum ausfallen wird. Und spektroskopisch zeigt sich übrigens anhand der starken Silizium-Linien (sogar für Amateure nachweisbar), dass sich die Explosionswolke immer noch mit bis zu 14.000 km/s ausbreitet.

Mit nur einem 23-Grad-Schwenk bin ich anschließend von der hellsten Supernova hinüber zur zweithellsten Sternexplosion, die sich ebenfalls in der Umgebung des Großen Wagens befindet. Die Supernova 2014G steht in NGC 3448, die unterhalb des Kastensterns beta UMa zu finden ist, mit dem 40mm-Übersichtsokular war die Galaxie ausgehend des hellen 44 UMa schnell gefunden. Im 9mm-Okular konnte ich sie aufblitzen sehen, nochmal besser war’s dann im 6mm bei 250-facher Vergrößerung. 2014G hat zwar aktuell die gleiche Leuchtkraft wie 2014J, gegenüber den 12 Millionen Lichtjahren von M 82 ist jedoch NGC 3448 rund 70 Millionen Lichtjahre entfernt, weshalb auch die Supernova 30 Mal visuell schwächer erscheint. Mit zwei Umgebungssternen von 14,2 und 14,7mag Helligkeit schätzte ich diese Sternexplosion auf etwa 14,4mag.

29.01.2014

Supernova 2014J sogar ohne Teleskop machbar!

Peter Ens

Mittlerweile ist die Supernova 2014J in M 82 doppelt so hell wie noch zur Entdeckung am Dienstagabend; übereinstimmend mit visuellen Schätzungen und V-Band-Fotometrie hat sie aktuell eine Helligkeit von 11,0mag. Am Freitagabend hat der schweizer Astrofotograf Peter Ens ebenfalls seinen Blick auf die ferne Sternexplosion gerichtet – jedoch ohne Teleskop! Er brauchte nur seine Canon EOS 5D Mark III, ließ das Zielgebiet lediglich 20 Sekunden lang belichten und schon war die Supernova im Kasten! Ein Ausschnitt der 5×3,5 Grad abdeckenden Aufnahme mit dem Galaxienpaar M 81/82 zeigt bereits deutlich Sterne 14. Größenklasse und mitten in dem unregelmäßigen Nebelfleck M 82 ist die SN 2014J als markanter Stern erkennbar.

26.01.2014

Es geht immer noch exotischer: Neutronenstern in Riesenstern entdeckt?

Astrophysiker haben vermutlich ein fehlendes Verbindungsstück, ein Missing Link, für die Untersuchung der energiereichsten Sternexplosionen im Universum entdeckt. Nach heutigem Verständnis sollen die hochenergetischen Gammastrahlenausbrüche, sog. Gamma-Ray Bursts (GRBs), durch eine Hypernova (langer Gammablitz) bzw. die Kollision von zwei Neutronensternen (kurzer Gammablitz) entstehen. Nur mit diesen Modellen ist es möglich, einen Mechanismus für die unvorstellbare Energiefreisetzung zu finden. Doppelsternsysteme aus zwei Neutronensternen (etwa ein Dutzend sind bisher bekannt) gelten als potentielle Kandidaten, für die Erklärung von kurzen Gammastrahlenblitze, und eine neue Entdeckung eines exotischen Sterns in der Kleinen Magellanschen Wolke am Südhimmel könnte ein weiteres Puzzlestück darstellen.

1974 haben die Theoretiker Kip Thorne und Anna Zytkow einen theoretisch denkbaren Riesenstern berechnet, in dessen Inneren sich ein Neutronenstern befindet. Dieser exotische Sterntyp wird heute als Thorne-Zytkow-Objekt (TZO) bezeichnet. Bereits 1994 vermutete man, dass der veränderliche Stern U Aqr so ein theoretischer Exot sein könnte, und auch bei dem Zentralstern des Supernovaüberrests RCW 103 hielt man es für möglich. Doch als nun bester Kandidat für ein TZO gilt ein kürzlich am 06. Januar von Astrophysikerin Emily Levesque neu vorgestellter Riesenstern. Auf das exotische Objekt stieß sie bei Beobachtungen von 22 Überriesen in der Kleinen Magellanschen Wolken mit einem der 6,5m-Magellan-Teleskope. Das Spektrum verriet dabei sehr ungewöhnliche chemische Auffälligkeiten, die sich als Überschuss von Lithium, Rubidium und Molybdän darstellten. Das Ergebnis dieser ersten spektroskopischen Analyse passt sehr gut in die TZO-Theorie von Neutronensternen im Inneren von Riesen- und Überriesen, so dass man bereits jetzt von einem „excellent candidate“ spricht. Mehr wurde bei der Ankündigung auf der AAS-Tagung allerdings nicht verraten und auch eine eigene Anfrage zu Details wurde mit dem Hinweis auf ein Presse-Embargo beantwortet.

Falls der exotische TZO-Überriese bestätigt werden sollte, dann wäre das eine wichtige Entdeckung für die Entstehung von Neutronenstern-Doppelsystemen und damit zur Theorie von Gammastrahlenausbrüchen. Denn denkbar ist folgender Entwicklungsweg: Ein Partner eines massereichen Doppelsternsystems explodiert als Supernova und hinterlässt einen Neutronenstern, der schließlich vom anderen Überriesen verschluckt und sich dessen Kern immer weiter annähern wird. Wenn der Riesenstern dann ebenfalls als Supernova explodiert, ist nur noch ein enges Paar aus zwei Neutronensternen übrig, dass letztlich in einem ungeheuren Gammastrahlenblitz verschmelzen wird.

Übrigens wird der Name Kip Thorne dieses Jahr noch öfters im Zusammenhang mit dem neuen Science-Fiction-Film „Interstellar“ zu hören sein.

26.01.2014

Wird die Supernova 2014J nur 10,5mag hell?

Wilfried Bongartz

Nachdem jetzt der Entdeckung der 11,7mag hellen Supernova 2014J (meine erste Beobachtung) am Dienstagabend jetzt exakt drei Tage vergangen sind, ist nun mal Zeit für ein Update zum Stand der Dinge. Inzwischen hat sich die anfängliche Euphorie, die bezüglich des „neuen Sterns“ in M 82 am Mittwoch die gesamte Astroszene erfasst hatte, sichtbar gelegt.

Allein die geringe Entfernung von nur 12 Millionen Lichtjahren hat für viel Rummel gesorgt. Ist sie nun die erdnächste Supernova seit 21 (SN 1993J) oder 27 Jahren (SN 1987A) bzw. ist es der erdnächste Supernova-Typ Ia seit fast 150 Jahren? Mein Beitrag dazu war: SN 2014J hätte theoretisch das Zeug zur hellsten Supernova für die Nordhalbkugel seit fast 130 Jahren (SN 1885A). Zumindest steht fest, dass es tatsächlich die erdnächste Supernova vom Typ Ia überhaupt ist, die als solche bereits während der Explosion klassifiziert wurde. Eine weitere Besonderheit bei 2014J war eigentlich nicht die Entdeckung selbst, sondern viel eher die Nichtentdeckung, denn vom 14. bis zum 21. Januar blieb sie vollkommen unbemerkt – sogar bei einer Live-Teleskopbeobachtung im Web vergangenes Wochenende. Erst am 21. Januar gegen 20:00 MEZ entstand das Entdeckerfoto in der Sternwarte der University of London; als Erstentdecker gelten ein Dozent mit seinen Studenten.

Außerdem sorgte am Mittwoch das mögliche Helligkeitsmaximum für viel Gesprächsstoff. Mit der bekannten Entfernung von M 82 und den größtenteils vergleichbaren Leuchtkräften von Typ-Ia-Supernovae ließ sich direkt errechnen, dass 2014J im Maximum heller als 9,0mag werden sollte, was schon mit einem 8×40-Fernglas erreichbar ist. Allerdings stand schon in einer der ersten Meldungen, dass die Supernova durch Staub in der unregelmäßigen Galaxie M 82 gerötet erscheint. Mit dieser deutlichen Rötung („significant reddening“) und der nachträglichen Lichtkurven-Auswertung für die Woche vor der Entdeckung, zeigt sich mittlerweile ganz klar, dass wir nicht die volle (theoretisch mögliche) Helligkeit sehen werden. Und wie hell wird die Supernova 2014J nun werden? Wenn ich mir den langsamen Anstieg bei den aktuellen Helligkeitsschätzungen so ansehe, rechne ich eigentlich nur noch mit allerhöchstens 10,5mag. Ich vermute, dass das Maximum irgendwo zwischen 10,5 und 11,0mag erreicht werden wird. Zurzeit ist sie immer noch um die 11,3mag hell. Und dadurch, dass die Supernova innerhalb des hellen Galaxienfleckchens steht, ist auch ein Erkennen selbst mit einem Großfernglas keine leichte Sache.

24.01.2014

Erste Beobachtung der Supernova 2014J mit 3 und 12 Zoll

Wilfried Bongartz

Vor 12 Millionen Jahren explodierte in der nahen Galaxie M 82 eine Sternleiche von etwa Erdgröße und das Licht dieser eine Milliarde Sonnen leuchtkräftigen Explosion wurde auf die Reise geschickt. Währenddessen breiten sich die Affen auf einem fernen blauen Planeten aus und einer von ihnen, genetisch 1,6 Prozent mit den Schimpansen verwandt, erobert die gesamte Erde. Der Mensch studiert die Entstehung der Natur und blickt in die Schönheit des Universums. Und gut 23 Stunden nach der Entdeckungsmeldung fiel das weit gereiste erste Licht dieser fernen Sternexplosion durch die Linsen eines kleinen Fernrohrs und erreichte mein Auge.

Angesichts der wolkenverhangenen nächsten Tage hatte ich gestern natürlich gehofft, dass sich der klare Himmel noch bis zum Abend hält. Den ganzen Mittwoch war – vor allem bei Twitter (#Supernova, #M82) – die komplette Astrogemeinde in heller Aufregung wegen der entdeckten 11,7mag hellen Supernova in M 82, die jedoch offensichtlich eine Woche lang übersehen worden ist; sie soll sich sogar bis zum 11. Januar zurückverfolgen lassen. Außerdem war die Supernova 2014J (Helligkeitsschätzungen), wie sie seit heute Vormittag offiziell heißt, bereits vor ein paar Tagen live im Web-TV einer Virtual Star Party zu sehen – und keiner hat’s gemerkt. Gestern Abend hielt sich zum Glück der wolkenlose Himmel. Zum Sonnenuntergang hatte ich noch Astrofotograf Wilfried Bongartz von der Volkssternwarte Bonn (VSB) informiert und wenige Stunden später wurde die oben gezeigte Aufnahme schon online. Das angekündigte Wolkenband hatte sich also schön Zeit gelassen, so dass ich um 18:30 MEZ auf der Terrasse mit der Beobachtung begann. Nachdem ich nach etwas Sucherei mit dem 80mm-Teleskop das markante Galaxienpaar gefunden hatte (Aufsuchkarte), ging ich mit 82x sofort auf maximale Vergrößerung und mit etwas Geduld wurde an der Wahrnehmungsgrenze tatsächlich ein kleines Sternchen in M 82 sichtbar: 2014J. Neben meiner Sichtung mit einem 3-Zöller sind mir von letzter Nacht noch positive Beobachtungen mit 100mm und 130mm Öffnung bekannt.

Eine Helligkeitsschätzung war so nicht möglich, dafür musste der 12-Zöller her. Ich wusste wie schwer sich Supernova-Helligkeiten schätzen lassen, wenn sie innerhalb eines hellen Galaxienkörpers stehen, aber wie sehr beeinflusst das das Kontrastproblem die Erkennbarkeit/Wahrnehmung? Noch dazu kam, dass mir z.b. ein 10,7mag-Stern schwächer als ein 10,2mag-Stern erschien. Nach längerer Beobachtung am 12-Zöller mit verschiedenen Vergrößerungen – und so viele Sterne 11. Größe gibt es nicht in direkter Nähe von M 82 – habe ich die Supernova 2014J auf 11,7mag geschätzt. Als Abschluss schwenkte ich nach 21:00 MEZ noch auf den strahlend hellen Jupiter, auf dem gerade der Große Rote Fleck durch den Meridian ging und zudem von Ios Schatten begleitet wurde.

23.01.2014

Die Rekonstruktion von Einsteins „größter Eselei“

Mit Albert Einstein werden am meisten zwei Dinge in Verbindung gebracht: E=mc² und seine oft zitierte „größte Eselei“. Die berühmte Formel stammt nachweislich aus seiner Feder, aber wie sieht es mit dem bekannten Ausspruch zur kosmologischen Konstanten aus? Lassen sich diese zwei Worte auf Albert Einstein zurückführen? Hat das Genie tatsächlich selber von seiner „größten Eselei“ gesprochen? Die Spur führt Einstein-Forscherin Galina Weinstein direkt zu George Gamows 1970 posthum veröffentlicher Autobiografie. Aus dem Englischen übersetzt heißt es dort: „Als ich viel später mit Einstein kosmologische Probleme diskutierte, bemerkte er, dass die Einführung der kosmologischen Konstanten die größte Eselei [biggest blunder] seines Lebens sei.“ Das ist der Ursprung. Ähnliches lässt sich in einem Artikel von 1956 nachlesen, wo Gamow ebenfalls über Einsteins Bemerkung von der „größten Eselei seines ganzen Lebens“ sprach. Briefe oder andere Aufzeichnungen zwischen Gamow und Einstein existieren nicht, so dass man sich heute nur der Zeit annähern kann, wann Einstein seine „größte Eselei“ dem Fachkollegen gegenüber erwähnt haben könnte. Wie Weinstein in ihrem Artikel beschreibt, fanden die kosmologischen Gespräche zwischen den beiden großen Physikern vermutlich in den 1940er statt.

Zweifel an der 1917 eingeführten kosmologischen Konstanten kamen Einstein schon früh: 1919 war sie bereits „ernsthaft schädlich für die formale Schönheit der Theorie“ und 1947 beschrieb er sie in einem Brief an Lemaitre als „widerwärtig“ [very ugly]. In einem völlig anderen Zusammenhang sprach Einstein in einem 1922 verfassten Brief an Max Born von einem „monumentalen Bock“ [biggest blunder]; Born machte daraus später einen „kapitalen Bock“ [capital blunder]. Vielleicht hat Einstein im Gespräch mit Gamow zwar das Wort „Bock“ [blunder] oder auch „monumentaler Bock“ [biggest blunder] gebraucht, aber Gamow machte daraus schließlich den „biggest blunder he ever made in his life“ und der heute berühmte (deutsche) Einstein-Ausspruch war geboren. In der deutschen Literatur taucht das Zitat von der „größten Eselei“ erstmals 1983 in der Aufsatzsammlung „Die Zeit“ auf. Offensichtlich scheint es also lediglich der deutschen Übersetzung geschuldet zu sein, dass Einsteins selbsternannter Fehler bezüglich seiner kosmologischen Konstanten heute mit diesen berühmten Worten verbunden ist.

23.01.2014

Supernova in M 82 ist bereits 11,7mag hell

Bei Supernova-Entdeckungen geht immer alles ganz schnell: Gestern Abend kurz vor 20:00 MEZ wurde in der Galaxie M 82 eine mögliche Supernova entdeckt, überprüfende Aufnahmen von heute früh 3:30 MEZ zeigten bereits einen visuell 11,7mag hellen „neuen Stern“ und gegen 7:00 MEZ wurde schließlich ein bestätigendes Spektrum aufgenommen. Mit dem an einem 3,5m-Teleskop in New Mexico aufgenommenen Spektrum, das anhand von Siliziumlinien Ausbreitungsgeschwindigkeiten der Explosion von 20.000 km/s verrät, wurde der Kandidat direkt als Typ-Ia-Supernova klassifiziert; hier hat es also einen Weißen Zwerg von etwa Erdgröße schlagartig komplett zerrissen. Bis zum Maximum sollen es noch 14 Tage sein, somit würde es in die erste Februarwoche fallen. Die Supernova hat immer noch die vorläufige Kennung PSN J09554214+6940260, aber schon bald wird die übliche Supernova-Nummer (vermutlich SN 2014J) folgen.

Schon jetzt lässt sich die neue Supernova mit einem kleinen 3-Zöller beobachten, während des Maximums wird sie sicherlich mindestens so hell wie die Fernglas-Supernova 2011fe in M 101 werden und wenn nicht allzu viel Staub in der 12 Millionen Lichtjahre fernen M 82 die Lichtkurve beeinträchtigt, könnte sie sogar heller als 9,0mag werden. Somit hat sie theoretisch das Zeug zur hellsten Supernova auf der Nordhalbkugel seit fast 130 Jahren (SN 1885J). Aufgrund ihrer geringen Entfernung wurde außerdem sofort über mögliche Neutrinos spekuliert, aber nachweisen lassen sie sich trotzdem nicht. Mittlerweile tauchen im Web auch die ersten Supernova-Aufnahmen von Amateuren auf: z.b. hier und hier (Vorher-Nachher-Animation). Diese Übersicht dokumentiert sehr schön, dass die Sternexplosion eigentlich sogar schon am 14./15. Januar auftauchte, aber das automatische Suchprogramm fand sie einfach zu hell. Die neue Supernova ist also zum Teil auch eine Amateurentdeckung.

22.01.2014

Der interstellarum-Mondmann Wilfried Tost ist gestorben

Über seine 20-jährige Tätigkeit am Institut für Planetenforschung des DLR in Berlin-Adlershof hinaus, war Wilfried Tost bei vielen Mondfreunden als der Mondspezialist schlechthin bekannt. 1987 trat er der Wilhelm-Foerster-Sternwarte bei und war dort aktuell Leiter der Arbeitsgemeinschaft „Berliner Mondbeobachter“, in der er z.b. den fotografischen „Berliner Mondatlas“ digitalisierte. Als langjähriger Autor für die interstellarum wurde „Mondmann“ Wilfried Tost schließlich weit über Berlin hinaus bekannt. Seit 2005 bereicherte er mit seinem fundierten Fachwissen die „Zeitschrift für praktische Astronomie“: In den fast 40 Artikeln stellte er beispielsweise regelmäßig für den interessierten Mondbeobachter wie für den Einsteiger ausführliche Mondspaziergänge vor und berichtete bei seinen Beschreibungen zugleich über spannende Erkenntnisse zur Mondgeologie. Für die ergänzende Recherche zum „Moonhopper“ von Lambert Spix hatte ich ihn 2011 mit einer speziellen Frage zu den unterschiedlichen Bezeichnungen für die Ascheflecken im Krater Alphonsus kontaktiert und erhielt umgehend eine umfassende Antwort. Als Mondspezialist kannte er die abwechslungsreiche Mondlandschaft wie seine Westentasche und konnte ebenso eingehend über die Entstehung von Strahlen- und Rillensystemen, Vulkandomen, Doppelkratern oder magnetischen Anomalien wie Rainer Gamma informieren.

Wilfried Tost starb am 12. Januar nach langer Krankheit; er wurde nur 61 Jahre alt. Die Sternfreunde der Wilhelm-Foerster-Sternwarte trauen mit den Worten: „Wilfried ist viel zu früh von uns gegangen. Was bleibt ist zunächst Schmerz, aber auch die Erinnerung an sein großes Wissen, seinen Humor und seine Begeisterung für das, was er tat. Er wird uns fehlen und hinterlässt eine große Lücke.“

[Nachtrag 26.01.2014] Nachrufe von Freunden gibt es hier von Charles Wood und hier im aktuellen interstellarum-Newsletter.

20.01.2014

Aufruf zu weltweiter Bürgersteig-Astronomie – in Erinnerung an John Dobson

John Dobson besuchte 2006 einen Tag vor seinem 91. Geburtstag den Teleskophändler Fernrohrland

John Dobsons Werdegang ist schon eine kuriose Lebensgeschichte: Der Sohn einer Musikerin kommt 1915 in Peking zur Welt, wird Chemiker, geht danach für 23 Jahre in ein hinduistisches Kloster und baut dort 1956 als Mönch erste Teleskope, findet seine Berufung auf dem Bürgersteig und kritisiert den Urknall, und längst wird seine Erfindung – das Dobson-Teleskop – am Fließband produziert. Heute kennt jeder visuell beobachtende Hobbyastronom seinen Namen, dabei hatte John Dobson lediglich eine simple wie geniale Idee: eine azimutale Montierung in Form einer Holzkiste. Zu seinem Konstruktionsprinzip sagte er einmal: „Held together by gravity and driven by joghurt power.“ 1969 wurde Dobsons erster Artikel zum preiswerten Selbstbau-Fernrohr noch von der „Sky & Telescope“ abgelehnt, heute dagegen werden die unzähligen Dobson-Besitzer – mich mit einem 12-Zöller eingeschlossen – alle übereinstimmen, dass seine Erfindung die visuelle Astronomie nicht bloß bereichert, sondern umgekrämpelt oder sogar revolutioniert hat. Der wohl einflussreichste Hobbyastronom der letzten 50 Jahre starb am gestrigen Mittwoch im Alter von 98 Jahren.

Durch einen Aufruf postet heute die gesamte Amateurszene bei Twitter unter #JohnDobson Fotos von ihren Dobson-Teleskopen. Doch was liegt näher, um sich von John Dobson angemessen zu verabschieden, als sich ganz in seinem Sinne auf den Bürgersteig zu stellen? Denn dort hatte der auch „Star Monk“, „Pied Piper of Astronomy“ oder „MacGuyver of Astronomy“ genannte Hobbyastronom seine Berufung gefunden, und 1968 wurde mit der Gründung der Organisation „Sidewalk Astronomers“ die Bürgersteig-Astronomie geboren. Dobson wollte in seinem Leben so vielen Leuten wie möglich mit einem Teleskop die Sterne zeigen. Diese wortwörtliche Öffentlichkeitsarbeit war seine Lebensaufgabe: „Macht es euch einfach! Zeigt den Menschen das Universum, damit sie wissen wo wir sind.“ Es ist einfach unglaublich, was dieser Mann mit einer simplen Idee erreicht hat. Er wollte nur die Astronomie in die Öffentlichkeit bringen, einfach seine ganze Faszination für den Nachthimmel mit den Leuten auf der Straße teilen und heute kann man sich gar nicht vorstellen, wievielen staunenden Fußgängern er die Sterne, Mond und Planeten näher brachte.

In Erinnerung an John Dobson haben die „Sidewalk Astronomers“ nun einen Aufruf zu einer weltweiten öffentlichen Beobachtung – quasi eine globale Dobson-Nacht – am 08. März gestartet, denn seine Idee, seine Vision und das Engagement werden weiter leben. „On March 8th, in honor of John, this year’s ISAN (International Sidewalk Astronomie Night) will be dedicated to his memory. Amateur astronomers around the globe can join in and celebrate John’s life and continue to carry the torch that he lit back in 1968 when he co-founded the San Francisco Sidewalk Astronomers.“ Also wer macht mit? Am besagten Abend lässt sich wunderbar im Süden ein höchstmöglicher Halbmond beobachten, der die Fußgänger immer zum Staunen bringt. John Dobson beschreibt so seine erste Mondbeobachtung 1956: „When I first saw the third quarter moon through this twelve inch telescope, I thought, ‚My God, it looks like i’m coming in for a landing.‘ And I thought, ‚Lordy, Lordy, everyone has got to see this!‘ And that is when the idea of public service sidewalk astronomy got into my head.“

16.01.2014

Kunst trifft Teilchenphysik inkl. Vernissage im Deutschen Museum Bonn

Wenn jemand derzeit auf beeindruckende Weise Kunst und Wissenschaft zusammenbringen kann, die Schönheit der Natur und die Technik des Menschen in einem nie gesehenen Kontext setzen kann, dann ist es Michael Hoch (Homepage, Facebook). Er ist Experimentalphysiker bzw. „forensischer Physiker“, hat am CERN von 2007 bis 2009 am Aufbau des CMS-Detektors für die Weltmaschine LHC mitgearbeitet und ist sogar einer von 2.900 Personen, die in der CMS-Kollaboration an der Entdeckung des Higgs-Bosons beteiligt waren. Heute analysiert er keine Daten von Protonenkollisionen, sondern kann sich ganz der Öffentlichkeitsarbeit widmen, ist nun Wissenschaftsvermittler und Vollzeit-Fotokünstler und hat zwei Outreach-Programme gestartet: Art@CMS und Science&Art@School (Blog), wobei Schüler in einem Wissenschaftsatelier Kunstworkshops absolvieren können. Als ich am 08. Oktober bei „Quarks & Co“ (Minute 27:50; der WDR war wohl eingeweiht, denn nur wenige Stunden zuvor wurden die Preisträger des Physik-Nobelpreis 2013 bekanntgegeben) das erste Mal die Kunst des Teilchenphysikers Michael Hoch sah, war ich sofort begeistert und fasziniert. Kurz darauf erfuhr ich von Ralph Burmester vom Deutschen Museum Bonn, dass dort im Rahmen der aktuellen Sonderausstellung „Wolfgang Paul – Der Teilchenfänger“ einige Werke ausgestellt werden sollen und der Künstler selbst auch einen Vortrag (mit anschließender Vernissage) halten wird. Und gestern Abend war’s dann soweit.

Die Ausstellungsfläche lockt schon von weitem mit einer 1:1-Ansicht des gigantischen und hochkomplexen Teilchendetektors CMS, bzw. eher einem Viertel der 1:1-Darstellung.

Um halb 7 war noch Zeit für einen kleinen Rundgang durch die Wolfgang-Paul-Ausstellung, aber diese werde ich mir zu einem späteren Zeitpunkt noch genauer ansehen. Zu der Ausstellung gibt es außerdem wieder ein Begleitprogramm, zu dem Rainer Selmann an 8 Terminen erneut einen naturwissenschaftlichen Stadtspaziergang – diesmal in die Nußallee – anbietet.

Seit dem 13. November (und noch bis zum 24. August) wird im Deutschen Museum Bonn der Bogen vom Makro- und Mikrokosmos bis zu Pauls Nobelpreis – drei Modelle seiner Ionen-Falle sind zu sehen – gespannt.

Kurz nach 7 …

… begrüßte dann Ralph Burmester die rund 25 Gäste und stellte Michael Hoch vor, der zunächst mit weißem Schutzhelm, Gehörschutz und Kopflampe die Bühne betrat.

Der Vortrag bot einen allgemeinen Rundumschlag von der Teilchenphysik zur hochkomplexen Detektortechnik des CMS-Experiments am LHC, mit dem – zusammen mit dem ATLAS-Detektor – 2012 die Entdeckung des Higgs-Teilchens gelang. Erst kürzlich am 10. Dezember 2013 wurden Peter Higgs und Francois Englert für ihre Vorhersage des Higgs-Feldes mit dem Physik-Nobelpreis ausgezeichnet.

Zum Ende des Vortrags gab’s dann erste Einblicke in die künstlerische Arbeit des CERN-Physikers …

… und nach gut 45 Minuten lud dann Ulrike Lenk, Geschäftsführerin des Wissenschaftszentrums Bonn, nach „nebenan“ in Michael Hochs Ausstellung „Faszination Ursprung“ (läuft leider nur noch bis übermorgen) ein. Hier war der Teilchenphysiker, der zuvor den Aufbau der Welt und die Suche danach beschrieben hatte, ganz der Künstler, der das Entstehen seiner einzigartigen Werke und seine Motivation erläuterte.

Normalerweise soll man ja die Arbeit nicht mit nach Hause nehmen, aber der Fotokünstler Michael Hoch macht das und nimmt seine Aufnahmen von großen oder kleinen Bauteilen des CMS-Teilchendetektors mit, zerschneidet sie und setzt sie neu zusammen. Dabei fügt er Fotos von Apfelblüten aus dem eigenen Garten oder von Mohn und Mageriten von der Wiese ein, so dass auf wunderbare Weise die Schönheit der Natur mit der Ingenieurskunst der Weltmaschine verschmelzen. Natur und Wissenschaft fließen derart ineinander über, dass man sich sogar fragt, ob das Grün von der Blumenwiese stammt oder ein Bauelement des CMS ist. Es braucht diesen besonderen Blick um zu verstehen, wie der Mensch mit seinem Erfindergeist die Natur begreifen möchte. Und wenn man staunend vor einem der 3×1 Meter großen Bilder steht, kommt unwillkürlich ein bekannter Spruch ins Gedächtnis. Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters, denn man kann sie in der Blütenpracht genauso finden wie in der symmetrischen Geometrie und den Farben eines 14.000-Tonnen-Teilchendetektors. Das ist Wissenschaftsvermittlung im besten Sinne! Und dann ist es auf einmal glasklar – im Wort Teilchen steckt ja schon die Kunst: pARTicle.

Während der Vernissage unterhielten sich die Gäste über Gott und die Welt bzw. was sie zusammenhält (das Higgs-Feld). Der Physiker und Künstler erläuterte wie einige seiner Fotos und Fotocollagen (ein paar Bilder wechselten auch den Besitzer) entstanden, welche Bedeutung eigentlich die Farben des CMS haben, warum die aktuelle Wartung nötig ist und zudem empfahl er einen Besuch des LHC noch bis zum Herbst zu unternehmen, denn dann ist die große Pause für Upgrades und Wartung des größten Mikroskops der Welt vorüber. Dann wird auch Michael Hoch nicht mehr so leicht 100 Meter unter die Erde kommen, aber mit den bisherigen Aufnahmen seines Arbeitsplatzes ist längst ein jahrelanger Vorrat entstanden, der noch für sicherlich zahlreiche Ausstellungen und wunderschöne Fotoprojekte reichen wird. Und mit mehr Zeit im Rücken gibt’s vielleicht auch einmal einen Bildband.

Übrigens wird demnächst noch ein Blog-Interview folgen.

15.01.2014


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