Archiv für Dezember 2012

Weihnachtliche Konjunktion mit Mond und Jupiter

Zurück vom Weihnachtsessen am ersten Weihnachtsfeiertag konnte ich kurz vor 22:00 MEZ noch die schöne Konjunktion von Mond und Jupiter mit dem 20x-Zoom der TZ31 festhalten. Da die Belichtungsmessung jedoch auf den hellen Mond eingestellt war, ist Jupiter nur als schwaches Scheibchen in der linken oberen Ecke zu sehen; leider zogen nur Minuten später schon wieder Hochnebel und Regenwolken auf. Andere Sternfreunde des Köln-Bonner-Astrotreffs (KBA) haben das weihnachtliche Treffen ebenfalls fotografiert, wie man hier sehen kann.

Während sich hier im Rheinland der Mond wieder hinter Wolken versteckte, konnte man um 23:40 MEZ und 11.000 Kilometer entfernt bei Sao Paulo in Brazilien den Beginn einer weihnachtlichen Jupiterbedeckung verfolgen. Eindrucksvoll gibt ein Clip den Eintritt und Austritt des Riesenplaneten wieder.

28.12.2012

Neue Geschwindigkeitsmessung der Gravitation

Wie schnell breitet sich die Schwerkraft aus? Zwei Physiker konnten schon vor 10 Jahren zeigen – immerhin mit 20% Genauigkeit -, dass sie sich mit Lichtgeschwindigkeit auszubreiten scheint. Wie nun berichtet wird, liefert jetzt eine Gruppe chinesischer Wissenschaftler, die schon seit März 1997 u.a. mit Sonnenfinsternissen Untersuchungen zur Geschwindigkeit der Gravitation durchführt, neuere und stärkere Beweise für diese Ansicht. In ihrer Veröffentlichung, die im Januar in einem Fachmagazin erscheint, beschreiben sie, wie mit einem klassischen Newton’schen Formalismus für Gezeitenkräfte und hochempfindlichen PET-Gravimetern (PET = Portable Earth Tide) mit Rubidium-Atomuhren eine Genauigkeit von 5% erreicht wurde. Die Messungen wurden im Juli und August 2009 zum Zeitpunkt von Neu- oder Vollmond jeweils zeitgleich an zwei Standorten nahe der westlichen Grenzen Chinas durchgeführt, um tatsächlich nur die Anziehungskräfte auf die Erdoberfläche und nicht auf die Wassermassen der Ozeane zu messen. Mit den Messdaten konnten die chinesischen Physiker schließlich berechnen, dass sich die Gravitation mit dem 0,93- bis 1,05-fachen der Lichtgeschwindigkeit ausbreiten muss.

28.12.2012 

Für die Trekkies: Petition für Enterprise-Machbarkeitsstudie

Ein Internetnutzer namens „BTE Dan“, der die Homepage buildtheenterprise.org betreut, hat eine Petition gestartet, die alle Fans von Star Trek freuen dürfte. Wie er auf seiner Website ausführlich beschreibt und wie u.a. hier aktuell berichtet wird, ließe sich das Enterprise-Modell 1701 aus der originalen TV-Serie mit der heutigen Technologie innerhalb der nächsten 20 Jahren bauen. Ein erster Schritt zur Umsetzung seiner Idee ist die nun laufende Online-Petition, mit der eine Studie zu Machbarkeit und Designkonzept erreicht werden soll. Am 21. Januar endet die Aktion und von den erforderlichen 25.000 „Unterschriften“ sind es bis zu dieser Stunde erst etwas über 2.400 – allerdings erreichte dieses Jahr eine Todesstern-Petition fast 33.000 Stimmen.

28.12.2012

Große Mars-Wanderausstellung tourt noch bis 2015

Der Werbespruch “Mars macht mobil” könnte ebenso als simples Motto für die Wanderausstellung “Mars – Vision und Mission” (Bilderstrecke), die seit Ende April 2012 durch Deutschland tourt, durchgehen. Nachdem die vom marktführenden Shopping-Center-Betreiber ECE aus Hamburg zusammen mit der europäischen Weltraumagentur ESA sowie DLR, EADS, Mars Society Deutschland und anderen Forschungseinrichtungen veranstaltete Mars-Ausstellung bereits in sieben Städten wie Potsdam, Leipzig und Karlsruhe zu sehen war, wird sie nächstes Jahr fortgesetzt und soll erst im Herbst 2015 zu Ende gehen; alle Termine auf einen Blick gibt es hier ganz unten. Dann wird die interaktive Ausstellung in 3 ½ Jahren durch insgesamt 25 Städte getourt sein.

ESA.int / beier+wellach projekte

Doch bis dahin wird die Ausstellung, mit deren untypischen Realisierung für große Einkaufszentren sich sogar eine Masterarbeit beschäftigt, noch durch viele Shopping-Center in Deutschland wandern. “Mars – Vision und Mission” ist unterteilt in 5 Themenbereiche, die sich dem Mythos des Roten Planeten und seiner modernen Erforschung widmen und außerdem einen Blick in die Zukunft zu bemannten Marsflügen wagen. Junge Marsforscher und Raumfahrer können besonders im Bereich “Mars for Kids” aktiv werden. Für Kinder von 4 bis 10 Jahren werden hier 4 Module quasi zum fliegenden Klassenzimmer, wobei die kleinen “Marsonauten” u.a. mit entsprechendem Werkzeug die Geologie untersuchen und das Material anschließend auch unter die Lupe nehmen können. Nähere Informationen zu den 5 Ausstellungsbereichen finden sich hier.

ESA.int / id3d

20.12.2012

Zwei Supererden in habitabler Zone von tau Cet vermutet

Heute können bei der Suche nach Exoplaneten mittels des Doppler-Effekts (Radialgeschwindigkeitsmethode) immer winzigere Bewegungsunterschiede beobachtet werden und um den Störeinfluss der empfindlichen Detektoren selbst minimieren zu können, hat sich nun ein internationales Forscherteam unter Leitung englischer Astronomen mit diesem Hintergrundrauschen beschäftigt. Sie entwickelten eine neue Technik, mit der sich das von den Präzisionsinstrumenten ausgehende Rauschen besser unterdrücken lässt und  wählten als Fallbeispiel den zweitnächsten sonnenähnlichen Stern tau Cet (Spektraltyp G8, 0,8-fache Sonnenmasse und -größe) aus. Es wurden u.a. Datenmengen des HARPS-Spektrografen (4.398 Einzelmessungen von fast 6 Jahren) und des HIRES-Spektrografen (567 Einzelmessungen von 9 ½ Jahren) untersucht und durch die Anwendung der neuen Analysemethode fanden sie schließlich bei dem 12 Lichtjahre entfernten Stern gleich fünf neue Exoplaneten-Kandidaten. Über diese Entdeckung wird heute hier und hier berichtet, der Fachartikel findet sich hier.

PHL @ UPR Arecibo

Zumindest nach den errechneten Minimumsmassen handelt es sich bei den Kandidaten allesamt um Supererden, da ihre Massen zwischen 2 und 6,6 Erdmassen liegen. Besonders interessant scheinen hier die Kandidaten tau Cet e (4,3 Erdmassen) und f (6,6 Erdmassen) zu sein, denn mit Abständen von 0,55 und 1,35 AE bzw. Umlaufzeiten von 168 und 642 Tagen befinden sie sich in der habitalen Zone ihrer Sonne – wo also Wasser in flüssiger Form möglich ist. Mit ihrer neuen Technik konnten die Astronomen die Empfindlichkeit bei der Datenanalyse (0,3 m/s statt des bisher kleinsten Geschwindigkeitswertes von 0,56 m/s) steigern, doch erstmal muss dieses Verfahren auch unabhängig bestätigt werden. Dies gibt auch der Entdecker des Exoplaneten bei alpha Cen B, der erst vor zwei Monaten bekanntgegeben wurde, zu bedenken und ergänzt: „If the planet is really there, it would be the best candidate so far to harbour life.“

Der Stern tau Cet ist 3,5mag hell und steht im Walfisch rund 15 Grad östlich von beta Cet, dem hellsten Stern des Herbststernbildes.

PHL @ UPR Arecibo

19.12.2012

Hertz‘ 120 Jahre alte Bonner Instrumente in Aktion

Gestern Abend fand im Deutschen Museum Bonn der vorletzte Vortrag zur Heinrich-Hertz-Sonderausstellung statt, wofür als Gastredner der Regensburger Wissenschaftshistoriker Roland Wittje eingeladen wurde. Vor dem alten Bonner Teilchenbeschleuniger waren u.a. der von Hertz in Bonn – seine Berufung an den Rhein kam Dezember 1888 – nachgebaute Parabolspiegel mit drehbarem Polarisationsgitter (rechts) und ein Nachbau von 1995 (Mitte) des Referenten aufgestellt und bereits an Strom angeschlossen.

Vor dem Beginn der Veranstaltung sah man sogar die Amateurfunkstation im Ausstellungsbereich mal in Aktion.

Der Vortrag führte in die damalige Elektrodynamik der Deutschen (Wilhelm Weber) und der Briten (Michael Faraday, James Clerk Maxwell) ein, die schließlich Ende der 1870er Jahre durch seinen Lehrer Hermann von Helmholtz, den „Reichskanzler der Physik“, auf Heinrich Hertz traf. Es wurde die Gedankenwelt und die Herangehensweise des Physikers Hertz sowie der Entwicklungsprozess seiner Experimente geschildert (beginnend im Oktober 1886 als er sich auf’s Wintersemester vorbereitete), mit denen er in Karlsruhe bekanntermaßen zum Nachweis von elektromagnetischen Wellen gelangte: Ein Deutscher hatte ungewollt die gegenteilige Ansicht der Maxwellianer bestätigt, was der britische Physiker Oliver Heaviside 1889 ganz ironisch so kommentierte: „I see that Hertz is not a Maxwellian though he is learning to be one.“ Von der Briten stammt somit ebenfalls der Ausdruck der elektromagnetischen Welle, Hertz hingegen sprach von Strahlen elektrischer Kraft, Fernwirkung, Induktionswellen oder beschrieb sie als sich im Äther ausbreitende Luftwellen.

Der Referent hatte sich 1995 für seine  Diplomarbeit mit den bahnbrechenden Versuchen auseinandergesetzt, die Geräte nach Hertz’schem Vorbild nachgebaut und damit die Experimente nachgestellt, um eine Ahnung von der Arbeitsweise des Physikers vor 125 Jahren zu bekommen. Im letzten Drittel des Vortrags folgte dann auch der expertimentelle Teil. Mit einem ebenfalls historischen Funkeninduktor, der auch Teil der Sonderausstellung ist, wurde an den Metallplatten ein Strom von ein paar 1.000 Volt angelegt. In einigem Abstand zu diesem Primärkreis konnte man am kreisförmigen Empfänger bei genauem Hinsehen an der wirklich winzigen Funkenstrecke tatsächlich einen bläulichen Funken springen sehen. Durch Drehung des Empfängers jeweils um 90 Grad ließ sich sogar die Polarisation der erzeugten Funkwelle erkennen. Die Auswirkungen der sprichwörtlich spannenden Vorführung sah man etwa in Form einer nebenstehenden flackernden Lampe und in einer mitgebrachten Neonröhre, die leicht zum Leuchten angeregt wurde – das Mikro wurde schon vorher ausgestöpselt.

Danach folgte der Versuch am originalen und mittlerweile 120 Jahre alten Hertz’schen Parabolspiegel, was selbst für den Wissenschaftshistoriker eine Premiere war. Der sichtbare blaue Funken im Sender entsteht hinter der Befestigung und kann dennoch …

… auf der Rückseite des linken Empfängerspiegels einen kaum sichtbaren Funkensprung erzeugen, was vom Publikum gesehen wurde, aber eine Profikamera nicht festhalten konnte. Das macht deutlich, dass die unsichtbaren Wellen reflektiert werden können, was auf diese Weise ebenfalls Hertz entdeckt hat, und mit dem drehbaren Drahtgitter zeigte sich erneut, dass sie polarisiert sein müssen – sich also merkwürdigerweise nur in einer Ebene ausbreiten.

Der am Hertz’schen Empfängerspiegel zu sehende Funken entstand an der keilförmigen Schneide, die Funkenstrecke an dieser Stelle ist geschätzt nicht mehr als einen Millimeter groß.

In der abschließenden Fragerunde wurde auch der frühe Tod des Physikers mit nur 36 Jahren angesprochen. Wie erläutert wurde, gehen Hertz-Biografen heute davon aus, dass eine Quecksilbervergiftung bei seinen Berliner Versuchen mit Batterien ursächlich ist und nach dem Referenten könnten zusätzlich die ständige Belastung für Auge (anstrengende Beobachtung winziger Funken: „Flimmern vor den Augen“ und „Mühe im Fixieren“) und Ohr (Krach der Induktoren) bei seinen berühmten Karlsruher Experimenten hinzukommen. Ahnungslos folgerte aus den anfänglichen Beschwerden vermutlich eine angeschlagene Gesundheit, weshalb der geniale Physiker anfälliger für Krankheiten war und der Schnupfen, den er sich im Juni 1892 in den feuchten Räumen des Bonner Instituts zuzieht, war dann der Anfang vom Ende. Nach schmerzvollen anderthalb Jahren stirbt er schließlich – wie es heute heißt – durch die klimatischen Verhältnisse im Institutsgebäude.

14.12.2012

Im StarTalk mit … Mischa Schirmer

Christian Kuhn, Sternfreunde Franken e.V.

Wie vergangene Woche berichtet wurde, gelang dem Astrophysiker Mischa Schirmer durch Beobachtungen an Großteleskopen in Chile die Entdeckung eines völlig neuen Galaxientyps, den er in seinem Fachartikel Green Beans, Grüne Bohnen, nennt. Im Mai 2011 hatte er endgültig das Siebengebirge gegen die südamerikanischen Anden getauscht und ist vom Bonner AIfA, wo er 2004 seine Doktorarbeit abgeschlossen hat, zum 8-Meter-Spiegel des Gemini South Telescope in Chile gewechselt.  Hobbyastronomen ist er als Entwickler der Software THELI und durch seine tiefen Deep-Sky-Aufnahmen mit einem 12,5-Zoll-Newton auf La Palma (Foto oben) bekannt. Mir erzählte der Astrophysiker, wie 1979 seine Begeisterung für die Astronomie geweckt wurde, was die Taucherei macht, wie er sich an der chilenischen Küste eingelebt hat und wie inspirierend seine Entdeckung Grüner Bohnen in der kosmischen Suppe ist.

13 Fragen an … Mischa Schirmer

  • Nach einer aktuellen Umfrage unter Astronomen waren 60% jünger als 12 Jahre, als Sie sich begannen für Astronomie zu interessieren. Wann und wie wurden Sie mit dem Astrovirus angesteckt?

Als ich 6 war, hat mein Großvater zu seinem Dienstjubiläum ein ausziehbares Piratenfernrohr mit einem 50mm-Objektiv von seinen Kollegen geschenkt bekommen und mir damit den Mond gezeigt. Damit war alles andere (Vulkane besteigen, Erdbeben erforschen, Dinosaurier ausgraben, etc.) zweitrangig. Zwei, drei Jahre später durfte ich es mir dann ausleihen und selbstständig beobachten, was sich auf die Plejaden, Jupiter und den Mond beschränkte. Sternkarten hatte ich keine, brauchte ich aber auch nicht. Den Mond und Jupiter konnte ich stundenlang ansehen. Meine Eltern hatten irgendwann ein Einsehen und schenkten mir, als ich 12 war, einen 60/900mm-Refraktor zu Weihnachten. Den hatte ich nach vier Jahren völlig ausgereizt und was Größeres musste her, diesmal vom eigenen Taschengeld (ein C8). „The rest is history, as they say.“

  • Stand bei Ihrem Abi 1993 direkt fest, dass Sie Physik studieren und Astronom werden wollen?

Aber natürlich, was anderes kam gar nicht in Frage. In Mathe war ich in der 7. und 8. Klasse sogar eine ziemliche Pflaume, was mich wahnsinnig geärgert hat. Ich hatte eine elementare Algebra-Regel nicht verstanden, und suchte meine Vorzeichen immer an der falschen Stelle (sozusagen ein „Nachzeichen“ anstelle eines Vorzeichens), was einerseits meinen Lehrer und andererseits mich in gegenseitige logische Verzweiflung trieb. Mein Großvater hat mir dann praktisch zufällig mal gezeigt wie es geht, danach war alles klar.

  • Als Bayer in Bonn haben Sie als Doktorand am Garching Bonn Deep Survey (GaBoDS) mitgearbeitet, wobei Sie vor etwa 10 Jahren mit Thomas Erben die Datenreduktions-Software THELI entwickelt haben. Warum stellen Sie es Astrotografen als Freeware kostenlos zur Verfügung?

Damals kam gerade eine neue Generation von Weitwinkelkameras, bestehend aus mehreren CCD-Detektoren, an die Teleskope. Wir fanden schnell heraus, dass die üblichen IRAF-Routinen zur Datenbearbeitung völlig unzureichend waren, und haben daher unser eigenes Werkzeug entwickelt. THELI war von Anfang an  möglichst „instrumentenunabhängig“ ausgelegt, so dass wir für zukünftige, neue Kameras nicht wieder von vorne anfangen mussten. Das hat gut geklappt, heute unterstützt THELI etwa 90 optische und nah-infrarote Kameras an verschiedensten Observatorien. Wir haben die Reduktionssoftware von Anfang an unseren Kollegen frei zur Verfügung gestellt, das ist in der Astrophysik so üblich, und später auch unter GPL lizenziert. Auf diese Weise erzielen wir eine größere Verbreitung, und es macht uns als Wissenschaftler „sichtbarer“. Ich habe THELI natürlich auch für meine eigenen, amateurastronomischen Aufnahmen verwendet. In Amateurkreisen beworben habe ich es nicht explizit, und werde es auch weiterhin nicht tun. Der Anspruch ist hoch, und Linux natürlich eine Einstiegshürde. Ich vertraue darauf, dass es interessierte Leute von selbst finden und damit auch entsprechend motiviert sind. Mittlerweile gibt es eine ganz ansehliche Anzahl Benutzer, und deren Feedback hat die grafische Oberfläche von THELI deutlich verbessert, davon profitieren auch meine Kollegen. An dieser Stelle vielen Dank!

Mischa Schirmer

Ich sehe mich nach wie vor auch als Hobbyastronom, auch wenn ich seit gut zwei Jahren keine Aufnahmen mehr gemacht habe, da mich die professionelle Seite gerade sehr stark einnimmt. Das ist ärgerlich, da ich hier in Chile unter bestem Himmel sitze und mein Teleskop an hervorragender Stelle aufbauen könnte. Zu Studienzeiten war ich wesentlich aktiver in den Foren unterwegs, das hat naturgemäß stark abgenommen. Ich lese aber noch regelmäßig mit, um auf dem Laufenden zu bleiben, und manchmal juckt es mich in den Fingern und dann schreib ich auch mal was. Ein Freund und Kollege (ebenfalls Amateurastronom) meinte mal auf einem Teleskoptreffen im Jahr 1999: „Amateur astronomy is the romantic side of our job. Keep it!“ Das hat mir gefallen, ist aber auch gar keine Frage.

  • Mit einer G11-Losmandy-Montierung ging’s 1995 mit der Astrofotografie los. Hätten Sie sich als Astrofotograf außerdem je träumen lassen, dass Sie außer der einigen 12,5-Zoll-Amateuroptik mal eine Acht-Meter-Großteleskop-Fotomaschine in den Anden bedienen würden?

Zu fotografieren begann ich auf Film mit der klassischen G11/C11-Kombo, handnachgeführt. Das ging eine Zeitlang gut, aber als SBIG die ST7/8/10-Serie rausbrachte, musste natürlich eine CCD-Kamera her. Da wurde mir dann auch schnell klar, dass die Nachführung der G11 völlig unzureichend war, und die Optik des C11 ebenso. Ich bin dann auf eine kurzbrennweitige 8″-Flatfield-Kamera von Lichtenknecker umgestiegen und habe die G11 aussortiert. Das  war aber unter lichtverschmutztem Bonner Himmel nicht sehr ertragreich. Richtig los ging es dann erst 2004 auf La Palma, wo ich meine erste Stelle als Postdoc am William-Herschel-Teleskop (WHT) antrat. Unter Roque-de-los-Muchachos-Himmel kam dann schnell der Hunger nach mehr Öffnung, und ich habe meinen foto-optimierten 12,5″-Newton fertig gebaut, der meinen Ansprüchen genügte. Der musste dann natürlich auf eine MAM-50-Montierung, um dem Wind dort oben zu trotzen. Diesem Setup bin ich seither treu geblieben, bis auf einen 4″-FSQ für die ganz stürmischen Nächte.

Zu Studienzeiten hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich tatsächlich mal ein 8m-Teleskop bedienen würde, es war ja nicht klar ob ich überhaupt irgendwo eine Doktorandenstelle und später Arbeit bekommen würde. Nach meinem Diplom war ich ein Jahr bei der ESO/Garching und durfte 3 Mal nach La Silla, um mit dem 2,2m-Teleskop zu beobachten. Im Rahmen meiner Doktorarbeit in Bonn kamen dann auch Beobachtungen mit dem VLT dazu, da bin ich aber nicht selbst hingefahren, sondern die Daten wurden im sogenannten Service-Mode für uns aufgenommen. In La Palma habe ich dann Beobachter am 4m-WHT betreut bzw. selbst Service-Beobachtungen durchgeführt. Und jetzt gerade sitze ich im Kontrollraum des 8m-Gemini-South-Teleskops und fahre eine Nachtschicht als Beobachter (wir haben hauptsächlich Service-Mode-Beobachtungen hier, ich habe etwa 30 bis 40 Nachtschichten pro Jahr in Blöcken von 4 bis 5 Nächten).

Gemini Observatory, AURA

  • Die sehr tiefen Himmelsaufnahmen der Großteleskope zeigen, dass quasi jeder kleine Himmelsausschnitt ein wahres Galaxiengewimmel enthält. Bitte schätzen Sie mal: Wieviele Hintergrundgalaxien werden sich im Kasten des Großen Wagens verbergen?

Der Kasten hat eine durchschnittliche Kantenlänge von etwa 4,8×8,9 Grad, macht 42,7 Quadratgrad. Mit einem 8m-Teleskop kommt man problemlos bis zur 26. oder 27. Größenklasse, da finden sich bereits ca. 100 Galaxien je Quadratbogenminute bei gutem Seeing, macht etwa 15 Millionen Galaxien im Kasten. Mit ein paar Stunden Belichtungszeit werden es auch mehr. Das Hubble Space Telescope (HST) blickt natürlich noch deutlich tiefer, da es nicht vom Seeing betroffen ist und der Himmelshintergrund auch deutlich niedriger liegt. Im Hubble Ultra Deep Field (HUDF) liegt die Galaxiendichte bei etwa 1.000 pro Quadratbogenminute, damit landen wir bei 150 Millionen Galaxien im Kasten des Großen Wagens.

Nein. Der Superhaufen erstreckt sich zwar über mehrere Grad am Himmel, hat aber eine Rotverschiebung von 0,44, entsprechend einer sog. Laufzeitentfernung von 4,6 Milliarden Lichtjahren. Der Prototyp der Grünen-Bohnen-Galaxie, den ich zufällig in der Aufnahme des Superhaufens gefunden habe, hat eine Rotverschiebung von 0,33, und ist somit nur 3,7 Milliarden Lichtjahre entfernt. Da besteht also kein physikalischer Zusammenhang.

  • Wie zu der aktuellen Entdeckung letzte Woche berichtet wurde, haben Sie nahe eines 6,9mag-Sterns im Wassermann tatsächlich einen neuen Galaxientyp beobachtet und sagten dazu: „Das ist unglaublich inspirierend!“ Warum ist ein Milliarden Lichtjahre entferntes grünes Quasar-Echo inspirierend?

Da war zunächst die Entdeckung selbst. Um ein besseres Gefühl für die Verteilung der Galaxien in dem Superhaufen zu bekommen, habe ich ein Farbbild aus meinen Aufnahmen erstellt. Das ist etwa 300 Megapixel groß, und ich habe mir die Freiheit genommen, darin ca. 1 Stunde umher zu scrollen. 100.000 Galaxien, ein Blick in einen Bereich des Universums, den noch nie jemand zu vor gesehen hat. Da sieht man viele Strukturen, letzten Endes sehen das Universum und die Galaxien in diesem Bereich aber auch nicht anders aus als an einer beliebigen anderen Stelle. Ein halbes Jahr später habe ich es mir nochmal angeschaut, und da war dann plötzlich diese knallgrüne und helle Galaxie, die ich beim ersten Mal übersehen haben musste. Mir war augenblicklich klar, dass SO ETWAS wirklich NOCH NIEMALS jemand gesehen hat. So auffällig und noch dazu bizarr, das war einfach unfassbar! Dann setzte natürlich der rationale Verstand ein, und der sagt einem Wissenschaftler, dass das mit Sicherheit doch schon mal jemand gesehen und erklärt hat. Ich habe dann lange Zeit in der Literatur gesucht, und scheinbar ähnliche Objekt gefunden, z.B. die Grünen-Erbsen-Galaxien, oder Quasare, die große Mengen Gas ionisieren und in die Umgebung blasen. Aber nachdem ich das erste Spektrum, aufgenommen mit dem VLT, zur Hand hatte, konnte ich die wahre Leuchtkraft bestimmen. Spätestens da war dann sicher, dass ich auf etwas wirklich außergewöhnliches und sehr seltenes gestoßen bin.

Die wissenschaftliche Analyse hat dann nochmals etwa 2 Jahre und weitere Beobachtungen in Anspruch genommen. Ein sog. Licht-Echo (genau genommen ein Ionisations-Echo) ist bisher die beste Erklärung die wir haben, aber das muss noch durch weitere Beobachtungen abgesichert werden. Das faszinierende an diesen Ionisations-Echos ist, dass sie ein Relikt eines vergangenen, sehr aktiven Quasar-Zustandes sind. Wenn alles so läuft, wie wir uns das vorstellen, dann können wir anhand dieser Echos das erste mal für eine individuelle aktive Galaxie  eine Lichtkurve rekonstruieren, die sich über bis zu hunderttausend Jahre erstreckt. Das ist ein Zeitraum, in denen theoretische Modelle das Erlöschen von Quasaren vorhersagen. Überprüfen konnten wir diese Modelle angesichts der vergleichsweise kurzen menschlichen Lebensdauer bisher nicht. Hier öffnen sich also neue Türen, daher empfinde ich diese Entdeckung insgesamt als enorm inspirierend. Sowas passiert heutzutage in Zeiten großer Surveys wie SDSS oder Pan-STARRS nur den wenigsten Astrophysikern – man würde meinen, man hat schon alles entdeckt … zumindest die hellen und spektakulären Dinge.

CFHT, ESO, Mischa Schirmer

  • In der Astrophysik gibt es die unterschiedlichsten Fachrichtungen. Was begeistert Sie so am Studium von Galaxien?

Mich interessiert so gut wie alles im Universum, und die Arbeit an einem Observatorium kommt dem sehr entgegen. Gerade jetzt nehme ich zum Beispiel ein Spektrum eines Gamma-Ray-Burst auf, etwas später werden wir das Zentrum des kürzlich entdeckten Phoenix-Galaxienhaufens unter die Lupe nehmen, in dem enorme Mengen neuer Sterne entstehen. Das ist reichlich ungewöhnlich für einen alten Galaxienhaufen. Natürlich arbeite ich nicht weiter an diesen Sachen, ich führe nur die Beobachtungen durch. Als Astrophysiker hat man im Allgemeinen nur ein oder zwei Gebiete, in denen man hauptsächlich arbeitet, sonst kann man mit der Entwicklung nicht mithalten.

Galaxien und Galaxienhaufen sind die größten Strukturen im Universum, und quasi Treibgut auf dem Fluß der Dunklen Materie und der Dunklen Energie. Das macht sie hochinteressant. Durch deren Studium lernen wir sehr viel über den Aufbau und die Entwicklung des Universums, die Grenzen der gegenwärtig bekannten Physik, und letzten Endes über unser Dasein selbst. Schließlich ist das Universum unsere Heimat. Und es ist gar nicht mal Lichtjahre weit weg, sondern nur etwa 100 Kilometer. Uns trennt nur eine sehr, sehr dünne Luftschicht von einem äußerst lebensfeindlichen und enorm großen Vakuum … ein sehr respekteinflößender Gedanke.

  • Sie tauchen aber nicht nur in die Welt weit entfernter Galaxien ein, sondern auch schon mal mit der Sauerstoffflasche ab.

Auf La Palma bin ich sehr viel getaucht und habe dort in meiner Freizeit auch als Tauchführer gearbeitet. In Chile hat es mich bisher aber nur einmal unter Wasser verschlagen, da es nur wenige Tauch-Spots gibt. Außerdem ist der Pazifik hier aufgrund des antarktischen Humboldt-Stroms mit ca. 10 Grad ganzjährig reichlich ungemütlich. Im Choros-Nationalpark etwas nördlich von La Serena, wo wir wohnen, haben wir Pinguine … am 29. Breitengrad! Das ist der einzige Ort auf der Welt, wo man diese Tiere und Kakteen gleichzeitig beobachten kann. Dort kann man mit Seehunden tauchen, aber ein warmes Vergnügen ist es nicht. Deutlich besser ist das Juan-Fernandez-Archipel etwa 700km vor der Küste Chiles, ein wahres Naturparadies. Dort wohnen nur 600 Menschen, und das Meer ist nicht überfischt. Da würde ich gerne mal tauchen. Die chilenische Regierung will den dortigen Einwohnern helfen, indem der Öko-Tourismus gefördert und eine Flugverbindung angeboten wird. Der Tsunami von 2010 hat hier schwere Schäden angerichtet, ein Wiederaufbau-Team ist 2011 beim Landeanflug dann auch noch tragischerweise abgestürzt. Das hat die Chilenen sehr getroffen.

Mischa Schirmer

  • Im Mai 2011 hat es Sie von Bonn nach Chile ans Gemini South Telescope verschlagen. Wie haben Sie dort in den anderthalb Jahren eigentlich die Freizeit und die Wochenenden verbracht?

Mit viel Arbeit. Zuerst war natürlich der Umzug nach La Serena. Die Chilenen bauen winzige Häuschen, die dann mit möglichst vielen Zimmern und Wänden vollgestopft werden, so dass man sich kaum darin umdrehen kann. Nach einem Jahr wurde es uns dort zu eng, und wir sind in eines der geräumigeren Holzhäuser gezogen, welche von unserem Arbeitgeber vermietet werden. Im selben Zeitraum haben wir dann auch noch unser erstes Kind bekommen, welches in Santiago geboren wurde. Zwei Umzüge und Kind in einem neuen Land, wir hatten alle Hände voll zu tun. Natürlich haben wir uns auch die weitere Umgebung angeschaut, wie z.B. Isla Choros mit den Pinguinen, den Tres Cruces-Nationalpark östlich von Copiapo  in der Atacama (Salzseen, riesige Vulkane, sehr empfehlenswert, da nicht überlaufen). Kürzlich sind wir auf den Paso Agua Negras hochgefahren, mit 4.750m einer der höchsten befahrbaren Pässe der Welt. Chile hat eine sehr beeindruckende und abwechslungsreiche Landschaft und viele Strände, da wird einem nicht langweilig. Wir haben sehr gute Kontake mit unseren Arbeitskollegen, die ja fast alle unsere Nachbarn bzw. Freunde sind. Man sieht sich oft und verbringt viel Zeit miteinander, bei einem Bier, am Strand, oder vor dem Grill.

  • Welches sind die unvergesslichsten Astroerlebnisse, an die Sie sich erinnern?

Mein erstes echtes Deepsky-Objekt mit dem 60/900mm-Refraktor: M57. Ich war 12 Jahre alt und wusste nur, dass er irgendwo zwischen zwei Sternen in der Leier stand, und hatte keine Ahnung wie hell oder dunkel, klein oder groß er sein würde. Als ich ihn nach eineinhalb Stunden endlich hatte, bin ich vor Aufregung mit dem Fuß gegen das Stativ gestoßen, und weg war er. Ich hab ihn natürlich gleich nochmal gesucht, da ging’s dann schon wesentlich schneller. Andere Dinge, die mir in Erinnerung geblieben sind: Das erste Mal Saturn im Teleskop oder der Himmel auf der Südhalbkugel. Sehr eindrucksvoll war auch eine Feuerkugel in La Palma, welche die Nacht zum Tag gemacht hat, nach 10 Sekunden hinter dem Horizont verschwand und erst dann mehrere Male explodierte. Letzteres konnte man daran sehen, dass der Himmel bis zum Zenit erleuchtet wurde, obwohl die eigentliche Feuerkugel gar nicht mehr sichtbar war. Da ist man froh, dass es eine Atmosphäre gibt, die uns solche Dinger vom Leib hält.

  • Das Universum in einem Satz:

Der einzige Zweck des Universums ist, Leben hervorzubringen; denn wenn keiner da wäre, der das Universum sehen und seine Schönheit bewundern könnte, dann wäre das genauso, als ob es gar nicht existieren würde. Leider weiß ich nicht mehr, von wem dieses Zitat (sinngemäß) stammt.

Vielen Dank für das Interview!

10.12.2012


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