„Sidereus Nuncius“ und der größte Fälschungsskandal seit 200 Jahren

Titel des New Yorker Exemplars (links); Tuschezeichnungen des Mondes auf Seite 10 (rechts, Barbara Herrenkind)

Es war ein einmaliger Sensationsfund, der im Jahr 2007 durch den Kunsthistoriker Horst Bredekamp bekannt wurde. Die Sensation zeigte sich ihm bereits im Juli 2005, als er eine eMail des New Yorker Antiquariats Martayan-Lan erhielt und sich als Anhang eine Seite aus Galileos berühmtem „Sidereus Nuncius“ mit Tuschezeichnungen statt mit den üblichen Kupferstichen öffnete. Sollte es wirklich ein Exemplar sein, in dem die Mondzeichnungen aus Galileos Feder selbst stammen? Schon auf der Titelseite lässt sich ganz unten ein handschriftliches „Io, Galileo Galilei f.“ lesen, was sich als „Ich, Galileo Galilei, machte [feci] es“ interpretieren lässt, doch das war nur der Anfang von langwierigen Nachforschungen und detailierten Hightech-Analysen, die letztlich zweifellos die Echtheit des New Yorker Bredekamp-Nuncius bestätigten. Für die Kunst- wie für die gesamte Wissenschaftsgeschichte war das ein außerordentlicher Fund, mit dem sich u.a. sogar die spannende Druckgeschichte von Galileos 400 Jahre altem Buch rekonstruieren ließ; basierend auf den neuen Erkenntnissen erschien bereits in zwei Auflagen Bredekamps „Galilei, der Künstler“. Galileo Galilei „hat als Zeichner die Vorstellung vom Kosmos revolutioniert“, so der Kunsthistoriker.

2011 wurde dann u.a. durch Nick Wilding, Assistent-Professor für Geschichte an der Georgia State University, Bredekamps großer Fund als komplette Fälschung – mit einem Wert von über 10 Millionen Dollar – entlarvt und plötzlich war etwa die Echtheit der Schriftproben weit entfernt von zweifelsfrei. Es fanden sich sogar Gemeinsamkeiten zu einer „Sidereus Nuncius“-Ausgabe, die ebenfalls 2005 in einem Katalog des Auktionshauses Sotheby’s auftauchte und beide führten Wilding schließlich zu einem nachgedruckten Exemplar von 1964. Allerdings war das nur die Spitze des Eisbergs, denn der noch 2007 vom Time Magazine als „the most important Galileo find in more than a century“ gefeierte Bredekamp-Nuncius taucht heute unter dem Satz auf: „This is the biggest books scandal to hit in the past 150 or 200 years.“ Dabei geht es nicht nur um Fälschungen im großen Stil, sondern auch um einen massiven Bücherdiebstahl. Der Hauptverantwortliche dafür ist Marino Massimo De Caro, der unter fraglichen Umständen im Sommer 2011 zum neuen Direktor der Biblioteca dei Girolamini, Neapels ältester Bibliothek, ernannt wurde. Nur wenige Monate später wurde die Bibliothek im Frühjahr 2012 beschlagnahmt. Wie sich herausstellte war ein ganzer Bestandskatalog mit 3.500 bis 4.000 historischen Büchern verschwunden, das komplette Ausmaß lässt sich jedoch noch nicht abschätzen.

Jetzt geht es nicht nur um die Suche nach den Büchern, sondern ebenso um die Aufdeckung des ganzen De-Caro-Netzwerks. Beispielsweise kaufte ihm ein Komplize für 1 Million Euro 600 Bände ab; auch Sandro Marsano, Priester und Kurator der Girolamini-Bibliothek, war in die Geschäfte verwickelt und staubte 60.000 Euro ab. Auf der Suche nach Mittätern wurde sogar ein europäischer Haftbefehl gegen einen Geschäftsführer des Münchner Auktionshauses Zisska & Schauer ausgestellt; seit Oktober ist auf der Homepage zu lesen: „Herr Herbert Schauer befindet sich zu unserem größten Bedauern noch immer in Haft. Am 2. August hatten ihn die Münchener Strafjustizbehörden via Amtshilfe in Gewahrsam genommen. Anlass war ein Europäischer Haftbefehl (EH), ausgestellt in Italien von der Staatsanwaltschaft Neapel, die in der Diebstahlsache zu Lasten der dortigen Bibliothek Girolamini ermittelt.“

Mondfälscher De Caro wurde im März 2013 zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, die er als Hausarrest in seiner 2009 gekauften 1,2-Millionen-Euro-Villa verbringt. Mittlerweile gestand er auch, dass die gefälschten Ausgaben des „Sidereus Nuncius“ in Argentinien hergestellt wurden, einschließlich des Exemplares der Nationalbibliothek von Neapel. Es sollte nur ein Scherz sein, beantwortet er heute die Frage, warum er ausgerechnet Galileos berühmtes Büchlein gefälscht hat: “ … wanted to create a joke.“ Anfänglich hatte Bredekamp an den angeblichen Fälschungsvorwürfen „seines“ außergewöhnlichen New Yorker Fundes gezweifelt, denn dann könnte die Wissenschaftsgeschichte direkt einpacken, und selbst heute bezeichnet der Berliner Kunsthistoriker „seinen“ Sidereus Nuncius“ als „Meisterwerk“ – der Fälschung. 2005, das Jahr in dem der Krimi seinen Anfang nahm, bot De Caro seine Nuncius-Fälschung mit den Tuschezeichnungen dem Antiquariat Martayan-Lan an, wobei Mitinhaber Richard Lan den „Kauf des Lebens“ vor seinen Augen sah und es zu einem Preis von Millionen Dollar verkaufen wollte.

[Nachtrag, 10.01.2014] Mittlerweile sind einige weitere deutsche Berichte zum „gefälschten Mond“ aufgetaucht. Der Stern sowie die Feuilleton-Seite des Spiegels verweisen auf meinen Artikel, eine weitere ausführliche Auseinandersetzung findet sich hier (Teil 2, Teil 3). Auf Nachfrage erhielt ich außerdem die Information, dass es von Horst Bredekamp ein neues Buch zu seiner gefälschten Ausgabe des „Sidereus Nuncius“ gibt. Der Titel „A Galileo Forgery“ soll voraussichtlich im Februar 2014 im Akademie Verlag erscheinen und ist für 50 Euro erhältlich.

[Nachtrag, 15.02.2014] Passend zum heutigen 450. Geburtstag von Galileo Galilei: Im Briefkasten lag die neue „Sterne und Weltraum“ mit einem ausführlichen Hintergrundartikel sowie einem Interview mit Horst Bredekamp zur Meisterfälschung des „Sidereus Nuncius“. Neben dem Gespräch mit SuW-Chefredakteur Uwe Reichert, gibt es ein weiteres Bredekamp-Interview von Wissenschaftsautor Thomas de Padova.

18.12.2013

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