Archive for the 'StarTalk' Category

Im StarTalk mit … Stephan Andreae

Ausstellungsleiter Stephan Andreae hat zurzeit alle Hände voll zu tun, denn sein großes Projekt „Outer Space – Faszination Weltraum“ öffnet bereits in wenigen Tagen seine Türen in der Bundeskunsthalle. „Die letzten beiden Wochen vor der Ausstellungseröffnung ist wie kurz vor Weihnachten: die Kunstwerke kommen an, die Architektur ändert sich, das Licht wird installiert – es ist aufregend, es ist viel Arbeit, man fiebert dem Tag entgegen, an dem dann alles fertig ist“, beschreibt seine Kollegin Claudia Dichter, mit der er zusammen vor über 4 Jahren die Idee zu dieser großen Weltraum-Ausstellung in Bonn hatte, den Endspurt in den Museumsräumen. Dort fliegt schon die ISS durch die Lobby, die Mercury-Kapsel Liberty Bell 7 ist bereits gelandet und mit der 12 Meter großen Ariane-Trägerrakete auf dem Museumsplatz wird der Schatten von „Outer Space“ immer länger. Und wenn sich schließlich nach jahrelanger Vorbereitung bereits diesen Freitag die unendlichen Weiten „zwischen Kunst und Wissenschaft“ in der Bundeskunsthalle öffnen, sind natürlich auch wir Hobbyastronomen dabei. Mit dieser bis zum 22. Februar zu entdeckenden All-umfassenden Mischung aus Astronomie- und Raumfahrtgeschichte, Kunst und Science-Fiction, bekommt Bonn sogar endlich die Ausstellung, die es schon 1992 geben sollte.

Ich bin mehr als gespannt auf die Weltraum-Ausstellung und freue mich, dass Kurator Stephan Andreae so kurz vor ihrer Eröffnung sogar noch Zeit für ein kleines Blog-Interview hatte und schildert so etwas seine persönliche Entdeckung des Himmels.

11 Fragen an Stephan Andreae …

  • Wann und wie wurde die Idee zu „Outer Space – Faszination Weltraum“ geboren?

Das war 2010 nach der Eröffnung des Vogelflughafens Hamm/Westf. Ich gab dem WDR ein Hörfunk-Interview. Die Redakteurin war Claudia Dichter. Praktischerweise fuhren wir im Auto nach Köln zurück und erzählten alles Mögliche über Interessen und Pläne. Da wie üblich Stau war, entwickelten wir das Ausstellungskonzept zu „Outer Space“, schrieben danach unsere Gedanken nieder und der Programmrat der Bundeskunsthalle sagte „Ja“. Das ist jetzt sehr verkürzt, aber so kann es gehen.

  • Was erwartet den Besucher der Weltraum-Ausstellung?

Ihn erwarten 12 Räume unterschiedlichsten Charakters und 3 Rräume von zeitgenössischen Künstlern. Unser Zugang ist eher emotional als wissenslastig, zu letzterem gibt es aber ein kleines Kino, ein Mediencockpit und natürlich den Katalog, der eine Enzyklopädie des Weltraums wird.

  •  Ist es nur Zufall, dass die Ausstellung zeitlich genau in die Missionen von Alexander Gerst und Rosetta fallen?

An Zufälle glaube ich nicht. Aber um ehrlich zu sein, das wussten wir damals noch nicht, da standen wohl die Sterne günstig.

  • War es angesichts seines straffen Trainingsprogramms nicht schwierig Alexander Gerst für den Audioguide zu gewinnen?

Alex war in jeder Phase des Projektes sehr kooperativ. Und natürlich mussten wir alles mit der ESA und dem EAC abstimmen, die waren ebenso kooperativ, und da das DLR alles unterstützte, war das alles nicht schwer, es gibt mit unserem Astronauten ja auch ein längeres Interview im Katalog.

  • Gibt es noch weitere Verbindungen zwischen Alexander Gersts Mission und der Ausstellung?

Das European Astronaut Center (EAC) in Köln bot uns an, ein kleines Objekt während Alexanders Mission auf der ISS zu platzieren, klein und leicht sollte es ein. Wir entschlossen uns, eine in Acryl einbalsamierte Biene der Bienenvölker von unserem Dachgarten hochzuschicken. Am 8. Dezember feiern wir seine „Welcome Home, Alex Gerst“-Party in der Bundeskunsthalle, dann wird er die Biene in ihre bis dahin leere Vitrine legen.

Die ISS in der Bundeskunsthalle; Christian Preuß

  • Spielbergs E.T., Gigers ikonisches Alien, C3Po und das Bügeleisen einer bekannten deutschen Raumpatrouille sind schon in Bonn gelandet, denn diese Woche ist es bereits soweit. Was muss so kurz vor der Eröffnung in den Ausstellungsräumen noch getan werden?

Fast 350 Exponate von gut 80 Leihgebern sind in konservatorisch einwandfreier Art einzubauen. Jedes und Jeder ist der Wichtigste. Und hier geht es um Dramaturgie, Farben, Durchblicke, Texte, Rhythmus, Zwischenräume, Dosierungen, quantitativ wie qualitativ, Lichtführung und Drumherum mit all den Dingen, die mit Didaktik und dem Rahmenprogramm zu tun haben. Und auch das eher Lästige: Budgeteinhaltung, Bestellungen tätigen, Rechnungen prüfen etc. Und wie man sieht, müssen wir Fragen beantworten, was wir doch gerne machen.

  • Gibt es ein Exponat, das Sie gerne wollten, es aber nicht geklappt hat?

Die gibt es immer: Adam Elsheimers „Flucht nach Ägypten“ und Carl Spitzwegs „Sternengucker“ waren aus konservatorischen Gründen nicht möglich. Auch Apollo-Kapseln dürfen die USA nicht mehr verlassen, das ist zu respektieren.

  • Haben Sie so etwas wie ein Lieblingsexponat?

Es geht um Komposition, also das Gesamte. Die Zusammenwirkung der Exponate ist das Entscheidende. Aber wenn Sie schon nach „Lieblings …“ fragen, es ist das Team und die Freude, wie es mit dieser mega-komplizierten Ausstellung umgeht.

  • Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, Arbeiten der Innenarchitektin der Sojus-Kapsel zu zeigen?

Der Berliner Architekt Philipp Meuser stellte die Verbindung zu Galina Balashova her, er erwähnte sie in seinem bemerkenswerten Buch zur russischen Raumfahrtarchitektur. Wir besuchten die heute 83-Jährige in Moskau, aßen leckeren Apfelkuchen und sahen ihre tollen Zeichnungen, die im „Westen“ noch nie zu sehen waren. Sie wird nach Bonn kommen. Das war also eher keine „Idee“, sondern ein unbedingtes „Muss“! Aber auf unsere Spürnase sind wir in dem Fall schon ganz schön stolz.

Kurator Stephan Andreae beim Aufbau des Ariane-Modells

  • 4 Jahre liegen nun hinter Ihnen. Hat die Arbeit an „Outer Space“ letztlich auch Ihre Faszination Weltraum geweckt? 

Der Himmel ist mein Verwandter und war es auch schon vorher. Meine Frau ist Segelfliegerin, mein Neffe Pilot (Air Berlin) und seit mehreren Jahren arbeite ich an einer Ausstellung zu Wetter und Klima. Es ist also nicht nur ein Job unter anderen. Wenn es da keinen tieferen Impuls gäbe, hielte man das gar nicht aus.

  • Das Universum in einem Satz:

Nur fast Alles, aber eher mehr …

Vielen Dank für das Interview!

30.09.2014

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Im StarTalk mit … Martin Neumann

Der Erfinder und sein „magisches Fernglas“

Celestron hat es 2006 mit dem SkyScout vorgemacht und in der heutigen Smartphone- und Tablet-Ära reicht bereits eine von dutzenden Planetariums-Apps aus, um mit digitaler Hilfe den Sternhimmel zu entdecken. Man richtet das Gerät einfach zum Himmel und bekommt auf dem Display direkt Informationen zu einem bestimmten Stern angezeigt. Martin Neumann, ein begeisterter Hobbyastronom, Blogger, kreativer Kopf und Unternehmer aus Bornheim bei Bonn, hat die Idee weitergedacht und verfeinert. Der 48-Jährige, der sich mit 9 Jahren schon ein Fernglasstativ bastelte, nutzt dafür das Zauberwort Augmented-Reality (AR), das aktuell durch die Markteinführung von Google-Glass für viel Gesprächsstoff sorgt. Neumann nennt seine innovative Google-Glass-für-Sternfreunde-Erfindung ganz einfach universe2go, die man via Crowdfunding noch bis zum 31. Mai finanziell unterstützen kann. Auf den ersten Blick sieht die Plastikbox wie ein einfaches Fernglas aus, doch tatsächlich verwandelt universe2go das Smartphone zu einem neuartigen persönlichen Planetarium, das den realen Sternhimmel zeigt und dazu gibt es informative Einblendungen. In verschiedenen Modi – von Audioführungen bis zu 3D-Ansichten – können besonders Laien und Hobby-Einsteiger den Nachthimmel auf eine neue Art kennenlernen. Bei der Erfindung geht es um das „einzigartige Erlebnis der Symbiose von natürlichem Sternenhimmel und virtuellen Grafiken und Bildern“, so der Sternfreund des Köln-Bonner-Astrotreff (KBA), der mir für meine StarTalk-Reihe einige Fragen beantwortete.

12 Fragen an Martin Neumann …

  • Wann und wie wurden Sie mit dem Astrovirus angesteckt?
Schon als kleiner Junge stellte ich mir Fragen wie „Warum ist die Sonne im Winter kälter als im Sommer“, wo sie doch tiefer hängt, uns also näher sein sollte und das widersprach meiner Alltagserfahrung. Mit 9 Jahren bekam ich dann ein Fernglas. Das war viel zu schwer, als das ich es halten konnte, also musste ich mir ein Stativ aus Holz bauen. Gebastelt habe ich schon immer gerne. Später wurden die Instrumente immer größer und teurer, aber leider wurde dafür die Zeit für’s Sterne gucken immer knapper. Am liebsten benutze ich daher in den letzten Jahren meine beiden Ferngläser. Ein Miyauchi 20×100 und ein Canon IS 18×50. Ich liebe es, damit im Urlaub in lauen Sommernächten auf der Milchstrasse spazieren zu gehen. Einfach so, ohne Plan. Insbesondere mit dem Miyauchi entdeckt man hunderte von Schätzen, einen dunklen Himmel, wie z.b. in den Bergen auf Korsika, vorausgesetzt.
  • Was macht für Sie den Zauber der Sterne aus?

Als Kind war es die Neugier. Je älter ich werde, umso mehr weicht die Neugier der Ehrfurcht und dem Staunen. Dieses Gefühl, auf der einen Seite so ein winziges, winziges (muss man zweimal sagen ;-)) Wesen auf dieser großen Bühne zu sein und gleichzeitig das bewusste Zentrum der eigenen Existenz als Teil dieses Schauspiels zu sein, haut mich jedesmal um. Am stärksten habe ich dieses Gefühl, wenn ich den Lagunennebel im Schützen mit bloßem Auge am Himmel anschaue. Er ist so größer als der Vollmond, aber 5.200 Lichtjahre entfernt. Dann erinnere ich mich an Reisen nach Nord-Norwegen. Wie groß müsste etwas sein, dass dort am Nordkap steht und hier in Köln so groß wie der Vollmond am Horizont erschiene? Ich habe es nie ausgerechnet, aber mein Gefühl sagt mir: gigantisch groß. Und dieser Lagunennebel ist noch mal 10 Billionen Mal weiter weg. So bekomme ich einen Bezug dazu und mir scheint es fast, als könnte ich mir vorstellen, wie riesig er ist. Mit der Andromedagalaxie funktioniert das übrigens bei mir nicht. Die ist einfach zu groß für meinen Geist. Aber Größe ist nicht alles. Die pure Schönheit der funkelnden Sterne lässt sich halt trotz toller Technik (noch?) nicht simulieren. Das Planetarium in Bochum zum Beispiel ist fantastisch, aber mit dem Original (ohne Lichtverschmutzung) kann es sich nicht messen. Ich überlasse hier Ralph Waldo Emerson das Wort: „Stars: Seen in the streets of cities, how great they are! If the stars should appear one night in a thousand years, how would men believe and adore; and preserve for many generations the remembrance of the city of God which had been shown! But every night come out these envoys of beauty, and light the universe with their admonishing smile.“

  • Welches sind Ihre unvergesslichsten Astroerlebnisse als Hobbyastronom?
Das ist eine schwierige Frage. Den Lagunennebel habe ich schon erwähnt. Als Student bin ich mal mit dem Auto nach Portugal gefahren. Mitten in Spanien ging es des nachts plötzlich immer höher und höher in die Berge. Es wurde aber immer wärmer statt kälter und es war pechschwarze Nacht. Da hielten wir an, schalteten die Scheinwerfer aus und als ich ausstieg – was soll ich sagen? Unerwartet unbeschreiblich. Ich kannte bis dahin nur den Himmel über dem Ruhrgebiet. Das war übrigens die Extremadura, aber als Studenten hatten wir natürlich keinen Plan davon. Ein anderes fantastisches Erlebnis war die Sonnenfinsternis 2006 in Side. Die Totalität habe ich mir hauptsächlich durch das Miyauchi angeschaut (Warnung: Bitte niemals direkt in die Sonne schauen. Weder ohne noch mit Fernglas, Fernrohr oder sonstigem Zubehör!). Der Anblick war unbeschreiblich. Das Anthrazit-Schwarz des Mondes, die fahle, irisierend scheinende Korona und die rubinroten Protubranzen. Selbst Fotos, die von Profis mit Belichtungsreihen über 13 oder mehr Blendenstufen erstellt wurden, geben diesen Eindruck nicht wieder. Der Blick dauerte gefühlte 5 Sekunden (tatsächlich fast 2 Minuten), aber hat sich tief in meine Erinnerung eingebrannt.

 

  • Wann und wie kam es zur Idee für universe2go?

Die besten Ideen bekommt man ja nach einer populären Kreativitätstheorie, wenn man entspannt ist und eben nicht am Schreibtisch sitzt. Archimedes in der Badewanne, Newton beim Nickerchen unter’m Apfelbaum, Mullis auf der Fahrt in den Skiurlaub. Mir kam die Idee für ein Augmented-Reality-Okular damals während der Side-Reise beim Spazieren. Das habe ich dann auch entwickelt und zum Patent angemeldet. Viele hundert Stunden und viel Geld habe ich da hinein gesteckt, nur um dann am Ende zu erfahren, dass das Max-Planck-Institut in Saarbrücken, die gleiche Idee drei Monate vor mir zum Patent angemeldet hat. Das war aber ganz okay. Ich bin hingefahren und habe die nette Bekanntschaft mit dem Doktoranden Andrei Lintu gemacht. Viel frustrierender war, dass sich offensichtlich niemand für die Erfindung interessiert, das MPI hat mittlerweile das Patent fallen gelassen. Manche Ideen kommen halt zur falschen Zeit. Aber ausgehend von dieser Idee kam mir vor etwa 3 Jahren die Idee: „Wieso nutze ich eigentlich nicht mein iPhone als Sensor und Display?“ Und dann war auch klar, dass ich es diesmal nicht nur für das Fernrohr und Hobbyastronomen bauen wollte, sondern insbesondere auch für den Laien.

  • Die Lücke zwischen Beobachtung und Information versuchte Celestron schon mit dem SkyScout zu schließen und heute kann man mit jedem Smartphone via Planetariums-App den digitalen Himmel entdecken. Was ist das Neue bei Ihrem „magischen Fernglas“?
Der SkyScout war eine tolle Sache und hat ja auch fast ein Dutzend Innovationspreise gewonnen. Allerdings war er meines Erachtens zu teuer und stand damit in direkter Konkurrenz zum Kauf eines Teleskops oder eines guten Fernglases. Darüber hinaus bot er nicht das visuelle Augmented-Reality-Erlebnis. In mehreren Kundenrezensionen zum SkyScout findet man, dass die Benutzer dies sehr vermissten. Sie wollten halt nicht bloß wissen, welcher Stern das ist, sondern auch die Sternbildlinien am Himmel sehen. Durch die Konkurrenz der Smartphone-Apps wurde es dann eng für den SkyScout und er wurde jetzt von Celestron vom Markt genommen.
Es gibt ja über 50 Planetariums-Apps für iPhone & Co. und Android. Viele davon haben eine sehr schöne Aufmachung, so zum Beispiel SkyGuide mit fotografischer Darstellung des Sternenhimmels. Gegenüber diesen Apps hat universe2go drei entscheidende Vorteile:
1. Die Genauigkeit dieser Apps reicht nicht aus, um einen Stern zuverlässig zu identifizieren. Gerade Laien sind daher kaum in der Lage mit diesen Apps die Sternbilder sicher zu finden. Mein universe2go benutzt ein spezielles Verfahren, mit dem man den richtigen Stern und das Sternbild sicher identifiziert.
2. Die Apps stellen die Sternbilder viel kleiner da, als sie am Himmel erscheinen. Außerdem erscheinen die natürlichen Helligkeiten der Sterne ganz anders als sie auf dem Bildschirm dargestellt werden. Auch dies trägt dazu bei, dass Laien damit kaum ein Sternbild finden. Mit universe2go ist das ein Kinderspiel, weil man die Sternbildlinien zwischen den echten Sternen sieht.
3. universe2go hat einen digitalen Zoom, der automatisch kleine Objekte groß darstellt und das bei den meisten Bildern sogar in 3D! Das sieht super-cool aus. Auf der Homepage von Jukka-Pekka Metsävainio, kann man sich anschauen, wie das aussieht.
Mir persönlich ist noch etwas sehr wichtig. Die Smartphone- und Tablet-Apps verführen dazu, sich den Sternhimmel digital anzuschauen, d.h. der echte Himmel wird gar nicht mehr angeschaut. Die zunehmende Lichtverschmutzung wird damit nicht so auffällig wahrgenommen. Im Gegenteil: Mit diesen Apps hat man eigentlich als Anfänger nur eine Chance an einem Stadthimmel etwas zu finden. Universe2go dagegen macht nur Sinn, wenn man wirklich draussen den Sternenhimmel erkundet und nicht drinnen auf dem Sofa.
  • Wie sieht der Entwicklungsprozess für universe2go im Überblick aus?

Der erste Prototyp war schnell mit Hartschaumplatten und ein paar Linsen mit Uhu zusammengeklebt. Da zeigte sich direkt: Die Idee funktioniert. Edison hat gesagt „Innovation ist 1 % Inspiration und 99 % Transpiration“ und so war es entsprechend noch ein sehr langer Weg vom ersten zu dem jetzt voll funktionsfähigen Prototypen. Dazu mussten parallel die Hardware, die Software und die Inhalte entwickelt und erstellt werden.

Die Bauteile des allerersten universe2go-Prototyps

  • Was war technisch gesehen die größte Herausforderung?

Eine große Herausforderung war das Bedienkonzept. Wie bedient man ein Smartphone, welches sich in einem geschlossenen Gehäuse befindet? Im Starter-Modus muss man gar nichts bedienen, denn da schaut man einfach auf einen Stern und los geht es. Aber ich wollte mehr: Mythologie-Modus, Deep Sky-Modus, Quiz-Modus, Such-Modus und dafür brauchte ich ein Interaktionskonzept. Da habe ich drei komplett verschiedene Varianten entwickelt und getestet. Am Ende hat sich die jetzige Methode mit Hilfe von Kopfbewegungen als die beste erwiesen. Man braucht nur ca. 1 Minute, um sie zu erlernen, wie bereits viele Tester beweisen haben.

Aber die größte Herausforderung waren die unzuverlässigen Smartphone-Sensoren, insbesondere der Kompass. Das hat mich fast wahnsinnig gemacht. Manchmal funktioniert er gut, aber oft liegt er bis zu 20 Grad daneben. Das ist natürlich völlig inakzeptabel. Nach 3 Monaten intensiver Entwicklungsarbeit und Testen alleine für dieses Problem habe ich dann endlich eine Lösung gefunden, mit der ich sehr zufrieden bin.

  • Für wen ist universe2go besonders interessant? Wem empfehlen Sie es?

Ich wünsche mir, dass universe2go gerade Anfängern die Entdeckung des Himmel erleichtert, weil es ein sehr spielerischer Zugang ist. Und daraufhin habe ich auch die Auswahl der Objekte und die Geschichten für die Audioführungen ausgerichtet. Ein Beispiel: Statt alle 7.000 Galaxien aus dem NGC-Katalog gibt es ca. 100 Deep-Sky-Objekte die schön anzusehen sind, eine interessante Geschichte bieten und zum großen Teil mit günstigem Amateur-Equipment aufgefunden werden können. Natürlich interessieren sich auch Hobbyastronomen für diese neue Erfindung. Innovationen gibt es in der Astronomie ständig. Meist sind dies Verbesserungen und Leistungssteigerungen der Teleskope, Kameras und des Zubehörs. Aber neue Produktideen wie universe2go wecken natürlich die Neugier.

Ich selbst habe übrigens auch viel Spaß mit universe2go, zum Beispiel mit dem Quiz-Mode. Auch für mich, als erfahrenen Hobbyastronom ist es schon eine Herausforderung den Luchs, das Einhorn, die Eidechse oder den Kleinen Löwen zu finden.
  • Was waren die bisherigen Reaktionen auf Ihre Erfindung?
Das Interesse ist sehr groß und darüber freue ich mich riesig. Das ist ganz anders als damals mit dem AR-Okular. Insbesondere wenn die Menschen damit den Sternenhimmel beobachten, ist das Feedback fast 100%ig: „Wow, das ist ja cool/interessant“.
Eine große Hürde für die Vermarktung ist jedoch die Unbekanntheit der AR-Technologie. Wer von uns hat schon einmal durch ein Google-Glass oder eine andere AR-Brille geschaut? Die allermeisten Menschen haben noch keine persönliche Erfahrung mit Augmented-Reality und dann ist es sehr schwer sich das Seh-Erlebnis vorzustellen. Aber darum geht es im Wesentlichen beim universe2go – um dieses einzigartige Erlebnis der Symbiose von natürlichem Sternenhimmel und virtuellen Grafiken und Bildern. Hier muss ich noch viel Überzeugungsarbeit leisten.
  • Parallel zur Crowdfunding-Aktion sind Sie auch mit Interview und Stand bei der Astromesse ATT dabei?

Ja, universe2go wird auf dem ATT am 10. Mai in Essen vorgestellt, das ist übrigens Messe-Premiere. Und ich freue mich sehr, dass mich Paul Hombach zu einem Live-Interview für die interstellarum-Sternstunde zum ATT eingeladen hat.

Der universe2go-Prototyp im Einsatz beim Astronomietag 2014

  • Was sind die langfristigen Pläne für Ihr „Google Glass für Sternfreunde“?
Zunächst einmal muss ich die Finanzierung für die erste Produktionsrunde sichern. Dies geschieht durch eigenes Investment, Darlehen und Crowdfunding, parallel dazu versuche ich Venture-Kapital zu bekommen. Aber das wird erst der Start sein. Ich habe noch viele weitere Ideen für universe2go wie zum Beispiel eine Online-Verbindung zum Teleskop oder einen Lehrer-Schüler-Modus. Mehr will ich aber jetzt noch nicht verraten. Zudem ließe sich die Technologie auf andere Anwendungsbereiche wie zum Beispiel Freizeit (Wandern), Wartung oder Architektur ausdehnen. Darüber hinaus gibt es im Kreis der Köln-Bonner-Sternfreunde ein Interesse am AR-Okular. Wer weiß? Manchmal brauchen Idee einen zweiten Anlauf.
  • Das Universum in einem Satz:
Das Universum ist Gottes schönster Gedanke.

Vielen Dank für das Interview!

11.04.2014

Im StarTalk mit … Anna Frebel

Wie man sich über eine Spektrallinie des Elements Europium freuen kann, weiß Astrophysikerin Anna Frebel nur zu gut. Es war gewissermaßen ein besonderes Geschenk zu ihrem 25. Geburtstag, denn während sie noch an ihrer Doktorarbeit schrieb, begann damit im April 2005 die Entdeckungsgeschichte zu ihrem zweiten Rekordstern. Allein über die Analyse des Lichts des 11,1mag schwachen HE 1523-0901 entdeckte sie den bis dato ältesten Stern – mit einem Alter von rund 13,2 Milliarden Jahren. Ebenso spannend war auch ihre Entdeckung des metallärmsten Sterns, die im April 2003 begann.

Und der Zauber der Sterne lässt die als stellare Archäologin oder als „Trulla mit den metallarmen Sternen“ bekannte Sternforscherin immer noch nicht los. So erschien 2012 ihr erstes Buch „Auf der Suche nach den ältesten Sternen“, in dem sie neben viel Theorie auch ganz persönliche Erlebnisse ihrer Arbeit in Australien am Siding Spring und in Chile am Las Campanas schildert. So wird die Astronomie als Beruf nochmal besonders lebendig. Und da mich Sterne aller Art und ihre Entwicklung seit vielen Jahren ebenso völlig begeistern, freue ich mich besonders, dass sich MIT-Astrophysikern Anna Frebel etwas Zeit für einige StarTalk-Fragen genommen hat. Hier bei Youtube oder hier in einem Podcast erfährt man außerdem noch mehr über ihre Arbeit.

13 Fragen an Anna Frebel …

  • Sie widmen Ihr Buch den Frauen in der Wissenschaft. Welche sind Ihre persönlichen Vorbilder?

Generell habe ich mich schon immer für Frauen in der Wissenschaft interessiert, da ich es interessant fand was sie erfoscht haben, aber auch wie sie gelebt haben und wie mit ihnen in der Gesellschaft umgegangen wurde. Da die meisten es zu ihren Zeiten nicht einfach hatten (Caroline Herschel, Lise Meitner, Marie Curie, Annie Jump Cannon, Jocelyn Bell Burnell, etc.), bin ich froh, dass ich heute in einer Welt lebe, in der es etwas einfacher ist, auch wenn Frauen in der Wissenschaft und auch der Gesellschaft oft immer noch benachteiligt werden. Diese Frauen dienen uns deshalb als Vorbild, da sie sich trotz aller Hürden nicht davon abbringen ließen, das zu tun, wozu sie motiviert waren, worin sie gut waren und worin sie ihre Aufgabe sahen: nämlich Forschungsarbeit in den Naturwissenschaften.

  • Welche Frau der Wissenschaftsgeschichte hätten Sie gerne einmal kennengelernt?

Marie Curie auf jeden Fall. Schon als Jugendliche habe ich ihre Biografie gelesen und ich fand ihre Entdeckungen und ihre Lebensgeschichte wahnsinnig spannend. Aber auch mit Annie Jump Cannon hätte ich mich gerne einmal über Sternklassifizierungen unterhalten und wie die Arbeit damals am Harvard College Observatory war (ich war ja von 2009 bis Ende 2011 selbst als Postdoc dort tätig, allerdings heisst das Zentrum dort heute Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics).

  • Heute können Astronomen ihre Beobachtungen vom warmen Büro aus durchführen und haben das Spektrum direkt auf dem Bildschirm. Als vor 100 Jahren die ersten Großteleskope entstanden, wurde noch in kalten Sternwartenkuppeln mit Fotoplatten gearbeitet und Spektren untersuchte man mit einem Mikroskop. 1913 oder 2013: Was wäre Ihre Wahl?

2013 natürlich! Die Teleskope sind ja inzwischen viel größer! Beobachten ist aber auch heute nach ziemlich anstrengend. Im Winter sind die Nächte mehr als 12 Stunden lang und mit Vorbereitungen und Essen bleibt kaum Zeit zum Schlafen. Bei meinem letzten Beobachtungs-Run hatte ich im Schnitt 5 Stunden pro Tag für 5 Tage. Wenn ich dann noch mit Fotoplatten im eiskalten Dom hätte hantieren müssen, wäre ich wohl irgendwann einfach umgefallen.

 

  • Bei Ihren nächtlichen Beobachtungen wird auch schon mal Musik laut aufgedreht. Zum Beispiel?

Inzwischen sind das alle möglichen gesammtelten Werke. Früher habe ich aber immer gern den Amelie-Soundtrack und verschiedene australische Bands gehört.

  • Je metallärmer, desto älter muss ein Stern sein. Das Alter von HE 1523-0901 (Fe/H = -2,95) haben Sie zu 13,2 Milliarden Jahren bestimmt. Wieviel älter wird dann Ihr zweiter Rekordstern HE 1327-2326 (Fe/H = -5,6) sein?

Das Alter für HE 1327-2326 können wir leider nicht bestimmen. Der Stern enthält keine messbaren Mengen von radioaktiven Elementen, da er anscheinend aus einer anderen Gaswolke als HE 1523-0901 entstanden ist. Da bleibt uns nur die Eisenhäufigkeit übrig und das Argument, dass der Stern aufgrund seiner so geringen Eisenhäufigkeit sehr alt sein muss. Diese winzige Menge ist nämlich schon fast mehr als das, was in einer Supernovaexplosion synthetisiert wird. Es ist also durchaus möglich, dass HE 1327-2326 der zweiten Sterngeneration angehört und somit dann wohl 13 bis 13,5 Milliarden Jahre alt ist. Aber messen kann man das leider nicht.

  • Wie beurteilen Sie die aktuelle Arbeit von Bond et al. zu HD 140283 (Fe/H = -2,4), nach der der Stern vermutlich sogar 13,7 Milliarden Jahre alt sein soll?

Den Stern HD 140283 kenne ich sehr gut, denn er wurde schon um 1950 entdeckt und wird von mir und anderen regelmäßig beobachtet und oft als Vergleichs- und Teststern genutzt. Es ist natürlich toll, dass für diesen Stern ein Alter bestimmt werden konnte! Allerdings nicht über die radioaktiven Elemente wie bei HE 1523-0901, sondern über ganz genaue Bestimmungen der stellaren Parameter wie Oberflächentemperatur, Schwerebeschleunigung an der Oberfläche und natürlich die Eisenhäufigkeit. Diese Parameter beschreiben den Stern und seinen Entwicklungszustand. Wenn man die gemessenen Werte mit Modellrechnungen zur Sternentwicklung vergleicht, kann dann das Alter – sprich den ganz genauen Entwicklungszustand – bestimmt werden. Das klappt aber nur für wenige ganz helle Sterne. Da HD 142083 sehr hell ist (7,2mag) war das eben möglich (sonst wäre er kaum schon um 1950 entdeckt worden). Genauso wie wir Messunsicherheiten mit der Vermessung der radioaktiven Elemente in Sternen wie HE 1523-0901 haben, gibt es bei dieser Methode natürlich auch Unsicherheiten, vor allem mit den Modellen. Alles in allem können wir aber annehmen, dass alle diese metallarmen Sterne sehr alt sind, also fast so alt wie das Universum selbst – ganz egal, ob da radioaktives Material im Stern von einer Vorgänger-Supernova ist oder nicht. Diese Bestätigung ist also sehr willkommen und zeigt, dass unsere Annahme, dass metallärmere Sterne äter sind als metallreichere, in der Tat stimmt!

  • Sie haben mal gesagt: „Beim Blick in den Himmel kann man (mit oder ohne Teleskop) unendlich viel staunen!“ Worüber staunt eine Astrophysikerin wie Sie – angesichts von Hitech-Spektrografen, Riesenspiegeln und Algorithmen – beim Anblick des Nachthimmels?

Na, dass es so viele Sterne am Himmel gibt, natürlich! Und dass es einfach so schön ist, die Milchstrasse so prächtig erleben zu können und das galaktische Zentrum direkt über sich zu haben. Das ist so hell, da braucht man keine Taschenlampe mehr!

Spektralanalyse heute: Eine Beobachtungsnacht im September 2012

  • Vor 200 Jahren entdeckte Fraunhofer im Sonnenlicht den Schlüssel zur Astrophysik. Für mich ist es die fantastischste Sache, dass man alles aus den Eigenschaften der Spektrallinien weit entfernter Lichtpunkte ablesen kann – von durch Planetenmaterial verschmutzten Weiߟen Zwergen, über die Verteilung von Sternflecken mit ihren Magnetfeldern, bis zur Charakterisierung von Exoplaneten-Atmosphären.

Genau! Das haben wir der Physik zu verdanken. Sonst wäre ich wohl arbeitslos, denn ich bin ja Spektroskopikerin.

  • Kepler wusste noch nichts von der Analyse von Sternspektren, schrieb aber bereits: „Mir kommen die Wege, auf denen die Menschen zur Erkenntnis der himmlischen Dinge gelangen, fast ebenso bewunderungswürdig vor wie die Natur dieser Dinge selber.“

Ja, es ist schon erstaunlich wie Wissenschaftler Sachen über unsere Welt und den Kosmos herausfinden! Aber das ist ja, was den Spaß an der Forschung bringt, nämlich sich Experimente auszudenken, mit denen etwas Neues gefunden werden kann.

  • Woran arbeiten Sie gerade ganz aktuell?

Verschiedene Sachen: Von Analysen alter Sterne in der Milchstraße und in Zwerggalaxien, über Theorien zur Sternentstehung im frühen Universum und zu kosmologischen Simulationen, um die Lebenswege der 13 Milliarden Jahre alten Sterne nachvollziehen zu können.

Einer von sieben Hauptspiegeln für das GMT (April 2013); Ray Bertram, University of Arizona

Genau! Zumindest planen wir diesen Spektrografen momentan fuer das 25 Meter große Giant Magellan Telescope (GMT) [Bild 1 und 3], welches etwa ab 2020 auch in Chile auf dem Nachbarberg zu den beiden Magellan-Teleskopen stehen soll. Damit können wir dann hoffentlich sehr viel weiter in den Halo der Milchstraße hinausschauen, um unsere Galaxie und ihre Entwicklungsgeschichte noch besser zu verstehen.

  • Welches sind Ihre unvergesslichsten Astroerlebnisse?

Die Entdeckungen und Entdeckungsgeschichten meiner wichtigsten Sterne. Nachts die Milchstraße von der südlichen Halbkugel aus anzuschauen (während langer Belichtungszeiten in Chile). Nach Australien und die USA zu ziehen (für die Astronomie) und alle meine Reisen um den Erball zu Konferenzen und für Beobachtungen.

  • Das Universum in einem Satz:

Ziemlich groß, ziemlich spannend und es gibt noch jede Menge Details zu erforschen!

Vielen Dank für das Interview!

23.06.2013

Im StarTalk mit … Matthias Wirth

Matthias Wirth mit dem Kölner Stadt-Anzeiger

Beim letzten StarTalk hat der Hobby-Teleskopbastler Jörg Peters sein Riesenfernglas aus zwei Spiegel-teleskopen mit jeweils 70cm-Optiken vorgestellt und wirkte das schon wie ein wahrer Binosaurier, setzt Matthias Wirth vielleicht noch eins drauf. Der 45-jährige Fernrohrbauer aus Köln konstruierte nicht nur das neue 60cm-Teleskop der Volkssternwarte Köln, das vor einem halben Jahr eingebaut und eingeweiht wurde, sondern war auch am weltgrößten Apo-Fernglas beteiligt. Hierfür baute er die beiden großen Tuben für die 30cm-Linsen und die große Rohrschelle; aktuell hat Markus Ludes für dieses knapp 500.000 Euro teure Instrument für einen chinesischen Millionär schon einen Antrag beim Guiness-Buch der Rekorde eingereicht. Doch wie wurde aus dem Hobby-Fernrohrbastler, der zwischendurch Medizin studiert hatte, ein hauptberuflicher Teleskopbauer, der nach wie vor von Sonne und Planeten begeistert ist?

11 Fragen an … Matthias Wirth

  • Wann und wie wurden Sie mit dem Astrovirus angesteckt?

Ich war schon immer an Natur in allen Formen interessiert, ich bin lieber draußen als drinnen. Ich mochte Bücher wie „Was ist was“. Allerdings habe ich im ersten selbstgebastelten Teleskop zuerst die Dacharbeiter von Sankt Pantaleon bestaunt … und dann erst in die Sterne geschaut. Denn im Wissenschaftsbuch für Kinder stand ja: Teleskope sind zum in die Sterne gucken da und dabei hab ich dann eine völlig neue Welt entdeckt.

  • Welches sind Ihre unvergesslichsten Astroerlebnisse als Hobbyastronom?
Oh mein Gott, soll ich ein Buch schreiben? Mich befriedigt immer noch nach über 30 Jahren die einfache Betrachtung des Himmels und seiner Phänomene – tags wie nachts. Mit möglichst wenig Technik, aber einem optisch perfekten Teleskop stimmen die Bedingungen, dann geht es unter die Haut. Meine Liebligsobjekte sind Sonne, Mond, Planeten. Ich habe schnell herausgefunden, welche Himmelsobjekte besonders schön anzuschauen sind und welche sich im Laufe der Zeit verändern. Denn eine galaxie sieht immer gleich aus, eine Protuberanz auf der Sonne verändert sich in Minuten und die Jupiteratmosphäre innerhalb von Tagen.
  • 1978 fing schon der Fernrohrbau mit einer Papprolle und Omas Ersatzbrille an. Wie ging’s weiter?
Mit gefühlten 50 Papp-, Holz- und Plastikrohr-Bauhaus-Teleskopen. Ich bin in Köln zu Optikern und habe mir mit Hundeblick erbettelt, was zu kriegen war. Die Teleskope wurden nach und nach besser, aber waren immer noch kleiner als heute das einfachste Einsteigerteleskop aus China. Ich wollte aber nicht ein gutes Fernrohr, ich wollte Teleskope basteln. Inspiriert haben mich Bücher aus der Bibliothek und später so ab 16 Jahren aus der Sternwarten-Bibliothek.
  • Wie wurde Ihnen klar, dass Sie auch beruflich Teleskope bauen wollen?
Nach vermutlich zu viel Schwarzwaldklinik und einem grandiosen Mediziner-Test (der war war sehr umstritten zu der Zeit) hab ich studiert, nach einer gewissen Zeit habe ich aber mehr von Sport allert Art (weiteres Hobby) und von Teleskopen geträumt, als von Krankheitsbildern und Fällen. Fast zeitgleich bin ich einigen Teleskophändlern in die Arme gefallen, die sagten: Wir verkaufen, du baust. Zu dem Zeitpunkt war ich um die 30 und meine Fernrohre hatten inzwischen ein profesionelles Niveau und ich kannte jeden Teleskophändler in Deutschland und darüber hinaus. Außerdem habe ich für sie auf Messen gearbeitet und mich als Qualitäts-Spürhund einspannen lassen. Ich kann die Präzision und optische Qualität eines Teleskops mit kleinstem Aufwand und unter widrigen Bedingungen genau diagnostizieren. Muss wohl ’ne Begabung sein.

Matthias Wirths CLT-Tubus im Rohbau; Volkssternwarte Köln

  • Was galt es alles bei der Konstruktion des neuen Volkssternwarten-Teleskops CLT (Cologne Large Telescope) zu beachten?
Ein Teleskop muss ja nicht nur optisch gut sein: Genaue Gläser, hochpräzise gehalten und gefasst ist das eine. Es muss  auch unter den gegebenen Umständen optimal funktionieren. Hier sind Stadtlage, Sternwartenkuppel als Zuhause und der Publikumszuspruch einer öffentlichen Sternwarte zu berücksichtigen. Mit einem starken Motor alleine wird man nicht Weltmeister, Aerodynamik und Straßenlage sind mehr als miteinscheidend. Dies ist meine gern genommene Metapher und die Bedingungen hier auf der Volkssternwarte sind alles andere als einfach.
  • Sind nach fast sechs Monaten nun alle Kinderkrankheiten beseitigt, so dass das neue Teleskop wieder für Besucher bereit steht?
Die meisten Kinderkrankheiten sind beseitigt. Was noch fehlt, kann durch Manpower ausgeglichen werden. Wir müssen die Himmelsobjekte zum Einstellen noch anvisieren, das wird später automatisch gehen. Der Teleskoptubus, den ich gebaut habe, hat allerdings von anfang an funktioniert. Ich bin jedenfalls mit meinem Werk zufrieden. Die Bildqualität, an der mir ja so viel am Herzen liegt, ist sehr gut, und das unter den erschwerten Bedingungen von voller Kuppel bis zur Stadtbeleuchtung.

Matthias Wirth erklärt das CLT bei seiner Einweihung

  • Wie war der Astronomietag 2013? Wollten trotz des grauen Himmels viele Besucher das große Teleskop sehen?
Natürlich, gerade nachdem das neue Sternwarten-Teleskop ja durch die Medien in den Mittelpunkt gerückt wurde. Die Schlange vor der Treppe zur Kuppel riss nicht ab. Ich selbst habe einige der 20-minütigen Teleskopvorführungen gemacht. Auch das weitere Angebot wie Vorträge, Ausstellungen und das Programm für die Kids wurde gut angenommen.
  • Letztes Jahr waren Sie auch mit dem Bau des wohl weltgrößten Apo-Fernglases beschäftigt. Hat der Auftraggeber Sie auch zum Aufbau nach China eingeladen?
Jawoll. Der beste Lohn für die Arbeit ist wohl ein Blick durch das Gerät auf einen Planeten wie Saturn oder Jupiter. Bei der Abnahme des Binos durch den angereisten chinesischen sowie deutschen Händler war ich anwesend und habe sie von meiner Unverzichtbarkeit beim Aufbau in der Nähe von Hongkong überzeugt. Bezahltes Vergnügen mit ein wenig Arbeit die Spaß macht. Ha! ;)
  • Das Apo-Riesen-Bino wurde sogar für das Guiness-Buch der Rekorde angemeldet?
Hab ich von meinem Auftaggeber gehört. Der ist immer sehr findig in solchen Dingen (Händler halt) und hat einen Antrag gestellt: als größtes (Linsen-)Fernglas der Welt. Was meiner Meinung nach auch stimmt. Der Antrag ist angenommen, wird derzeit geprüft und dann schauen wir mal!

Matthias Wirth am Apo-Bino; APM Telescopes, Markus Ludes

  • Nach diesen Großprojekten, was steht denn da als nächstes auf der Liste?
Eine kleine Serie von optisch besonders guten Planetenteleskopen (5 baugleiche Instrumente), die Teleskopausstattung der Terrasse unserer Volkssternwarte bis zum Ende des Jahres und ein großer Maksutov-Cassegrain mit 40cm optischem Durchmesser. Im nächsten Jahr folgt dann ein Spiegelteleskop mit einer 80cm-Optik.
  • Das Universum in einem Satz:

Vielen Dank für das Interview!

20.03.2013

Im StarTalk mit … Jörg Peters

2012: Der fertige 28″-Binosaurier; © Jörg Peters

Im Jahr 2000 begann seine Selbstbau-Leidenschaft mit einem kleinen 8-Zoll-Reiseteleskop, vier Jahre später schmiedete Jörg Peters bereits Pläne für den vielleicht größten Feldstecher, der von einem Hobbyastronom gebaut wurde. Nach unglaublichen acht Jahren Bauzeit stellte der Fernrohrtüftler aus Sachsen jetzt sein vollendetes Meisterwerk im Astrotreff-Forum vor; für so ein Großprojekt gab es selbst von der internationalen Amateurszene einige Worte der Anerkennung: „Ik ben sprakeloos“, „mes Respects Monsieur Peter“, „it is pretty impressive and a magnificent piece of ATM construction“. Bis 2012 hatte der Sternfreund über 10.000 Stunden in sein Riesenfernglas investiert, für die Arbeit an den beiden 28-Zoll-Spiegeln brauchte er allein anderthalb Jahre. Ohne Frage ist es eine optische wie mechanische Meisterleistung, die von Akribie, Ausdauer und Zielstrebigkeit zeugt, und angesichts der gigantischen Ausmaße lässt sich das riesige Instrument locker als Binosaurier bezeichnen.

12 Fragen an … Jörg Peters

  • Wann und wie wurden Sie mit dem Astrovirus angesteckt?

Das geschah im Astronomieunterricht, der gelegentlich auf die erste Unterrichtsstunde fiel. Da es in den Wintermonaten früh noch dunkel ist, hatte unser Lehrer das Schulfernrohr aufgebaut. Ich glaube es war ein Refraktor mit 90mm Öffnung. Er zeigte uns Jupiter und Saturn.

  • Welches sind Ihre unvergesslichsten Astroerlebnisse als Hobbyastronom?

Eine Astroreise nach Namibia. So einen von Licht völlig unverschmutzten Sternenhimmel vergisst man nie.

  • Wie kamen Sie dann zum Teleskop-Selbstbau?

Nach dem Astronomieunterricht schlummerte der Virus noch 18 Jahre bis zum ersten Teleskop. Es war ein gekaufter 8-Zöller. Schnell war mir klar, dass mehr Sternenlicht nur mit einer größeren Öffnung zu erreichen ist und so begann der Selbstbau.

8″-Selbstbau beim ITV 2001; © Jörg Peters

  • Wie beginnt man eigentlich ein Selbstbauprojekt?

Bei mir beginnt so etwas immer im Kopf. Pläne, Vorstellungen, Abmessungen, Transportfähigkeit, Lichtsammelvermögen, optisches Design usw.

  • Wann haben Sie mit dem Riesenfeldstecher begonnen und wieviele Stunden waren es schätzungsweise bis zur Fertigstellung?

Ich glaube, die ersten Pläne habe ich 2004 geschmiedet. Die Arbeitsstunden kann ich beim besten Willen nicht mehr abschätzen. Irgendwo zwischen zehn- und zwanzigtausend.

  • Welche notwendigen Geräte Marke Eigenbau mussten extra für das Großprojekt gebaut werden?

Eine Schleifmaschine, ein Interferometer und ein Foucault-Tester.

  • Aus den geplanten drei Jahren wurde aber viel mehr.

Die Planung lag bei drei Jahren, dabei habe ich den immensen Arbeitsaufwand deutlich unterschätzt. Das Projekt war ja auch völliges Neuland.

Ein halb fertiger 28″-Spiegel; © Jörg Peters

  • Gab es beim Bau ein besonders hartnäckiges Problem?

Extrem hartnäckige Probleme gab es eigentlich nicht. Es gab viele unerwartete, aber nicht unlösbare Probleme.

  • Sind Sie auf eine Detaillösung des Riesenfeldstechers besonders stolz?

Ehrlich gesagt, fällt mir dazu nichts ein. Im Grunde ist alles so gelungen, wie ich es mir vorgestellt habe. Es gibt da keine besondere hervorzuhebende Detaillösung.

  • Was haben die Testbeobachtungen am Nachthimmel bereits gezeigt?

Ein schönes Beispiel ist die Beobachtung der Whirlpool Galaxie M 51. Die lichtschwache Brücke zwischen den Galaxien kann ich einäugig mit einer 28 Zoll Öffnung nur indirekt sehen. Wenn man das zweite Auge aufmacht und den zweiten Tubus zur Aufklärung hinzuzieht, ist sie einfach da und direkt zu sehen. Und beim Schwenken um M 51 ploppen auf einmal Galaxien ins Bildfeld, die eigentlich noch nie da waren. Das ist schon irgendwie komisch.

Bauzeit: 2004 bis 2012; © Jörg Peters

  • Ist damit jetzt Ihr ultimatives Wunschteleskop fertig geworden oder haben Sie schon Pläne für ein Nachfolgeprojekt in der Schublade?

Momentan bin ich teleskoptechnisch wunschlos glücklich, allerdings schwirren immer irgendwelche neuen Gedanken im Kopf umher … Nun wird aber erst einmal mit dem Instrument beobachtet, bei einem neuen Projekt wäre dafür kaum Zeit.

  • Das Universum in einem Satz:

Die Unendlichkeit des Universums ist unbegreifbar aber zugleich faszinierend.

Vielen Dank für das Interview!

28.01.2013

Im StarTalk mit … Mischa Schirmer

Christian Kuhn, Sternfreunde Franken e.V.

Wie vergangene Woche berichtet wurde, gelang dem Astrophysiker Mischa Schirmer durch Beobachtungen an Großteleskopen in Chile die Entdeckung eines völlig neuen Galaxientyps, den er in seinem Fachartikel Green Beans, Grüne Bohnen, nennt. Im Mai 2011 hatte er endgültig das Siebengebirge gegen die südamerikanischen Anden getauscht und ist vom Bonner AIfA, wo er 2004 seine Doktorarbeit abgeschlossen hat, zum 8-Meter-Spiegel des Gemini South Telescope in Chile gewechselt.  Hobbyastronomen ist er als Entwickler der Software THELI und durch seine tiefen Deep-Sky-Aufnahmen mit einem 12,5-Zoll-Newton auf La Palma (Foto oben) bekannt. Mir erzählte der Astrophysiker, wie 1979 seine Begeisterung für die Astronomie geweckt wurde, was die Taucherei macht, wie er sich an der chilenischen Küste eingelebt hat und wie inspirierend seine Entdeckung Grüner Bohnen in der kosmischen Suppe ist.

13 Fragen an … Mischa Schirmer

  • Nach einer aktuellen Umfrage unter Astronomen waren 60% jünger als 12 Jahre, als Sie sich begannen für Astronomie zu interessieren. Wann und wie wurden Sie mit dem Astrovirus angesteckt?

Als ich 6 war, hat mein Großvater zu seinem Dienstjubiläum ein ausziehbares Piratenfernrohr mit einem 50mm-Objektiv von seinen Kollegen geschenkt bekommen und mir damit den Mond gezeigt. Damit war alles andere (Vulkane besteigen, Erdbeben erforschen, Dinosaurier ausgraben, etc.) zweitrangig. Zwei, drei Jahre später durfte ich es mir dann ausleihen und selbstständig beobachten, was sich auf die Plejaden, Jupiter und den Mond beschränkte. Sternkarten hatte ich keine, brauchte ich aber auch nicht. Den Mond und Jupiter konnte ich stundenlang ansehen. Meine Eltern hatten irgendwann ein Einsehen und schenkten mir, als ich 12 war, einen 60/900mm-Refraktor zu Weihnachten. Den hatte ich nach vier Jahren völlig ausgereizt und was Größeres musste her, diesmal vom eigenen Taschengeld (ein C8). „The rest is history, as they say.“

  • Stand bei Ihrem Abi 1993 direkt fest, dass Sie Physik studieren und Astronom werden wollen?

Aber natürlich, was anderes kam gar nicht in Frage. In Mathe war ich in der 7. und 8. Klasse sogar eine ziemliche Pflaume, was mich wahnsinnig geärgert hat. Ich hatte eine elementare Algebra-Regel nicht verstanden, und suchte meine Vorzeichen immer an der falschen Stelle (sozusagen ein „Nachzeichen“ anstelle eines Vorzeichens), was einerseits meinen Lehrer und andererseits mich in gegenseitige logische Verzweiflung trieb. Mein Großvater hat mir dann praktisch zufällig mal gezeigt wie es geht, danach war alles klar.

  • Als Bayer in Bonn haben Sie als Doktorand am Garching Bonn Deep Survey (GaBoDS) mitgearbeitet, wobei Sie vor etwa 10 Jahren mit Thomas Erben die Datenreduktions-Software THELI entwickelt haben. Warum stellen Sie es Astrotografen als Freeware kostenlos zur Verfügung?

Damals kam gerade eine neue Generation von Weitwinkelkameras, bestehend aus mehreren CCD-Detektoren, an die Teleskope. Wir fanden schnell heraus, dass die üblichen IRAF-Routinen zur Datenbearbeitung völlig unzureichend waren, und haben daher unser eigenes Werkzeug entwickelt. THELI war von Anfang an  möglichst „instrumentenunabhängig“ ausgelegt, so dass wir für zukünftige, neue Kameras nicht wieder von vorne anfangen mussten. Das hat gut geklappt, heute unterstützt THELI etwa 90 optische und nah-infrarote Kameras an verschiedensten Observatorien. Wir haben die Reduktionssoftware von Anfang an unseren Kollegen frei zur Verfügung gestellt, das ist in der Astrophysik so üblich, und später auch unter GPL lizenziert. Auf diese Weise erzielen wir eine größere Verbreitung, und es macht uns als Wissenschaftler „sichtbarer“. Ich habe THELI natürlich auch für meine eigenen, amateurastronomischen Aufnahmen verwendet. In Amateurkreisen beworben habe ich es nicht explizit, und werde es auch weiterhin nicht tun. Der Anspruch ist hoch, und Linux natürlich eine Einstiegshürde. Ich vertraue darauf, dass es interessierte Leute von selbst finden und damit auch entsprechend motiviert sind. Mittlerweile gibt es eine ganz ansehliche Anzahl Benutzer, und deren Feedback hat die grafische Oberfläche von THELI deutlich verbessert, davon profitieren auch meine Kollegen. An dieser Stelle vielen Dank!

Mischa Schirmer

Ich sehe mich nach wie vor auch als Hobbyastronom, auch wenn ich seit gut zwei Jahren keine Aufnahmen mehr gemacht habe, da mich die professionelle Seite gerade sehr stark einnimmt. Das ist ärgerlich, da ich hier in Chile unter bestem Himmel sitze und mein Teleskop an hervorragender Stelle aufbauen könnte. Zu Studienzeiten war ich wesentlich aktiver in den Foren unterwegs, das hat naturgemäß stark abgenommen. Ich lese aber noch regelmäßig mit, um auf dem Laufenden zu bleiben, und manchmal juckt es mich in den Fingern und dann schreib ich auch mal was. Ein Freund und Kollege (ebenfalls Amateurastronom) meinte mal auf einem Teleskoptreffen im Jahr 1999: „Amateur astronomy is the romantic side of our job. Keep it!“ Das hat mir gefallen, ist aber auch gar keine Frage.

  • Mit einer G11-Losmandy-Montierung ging’s 1995 mit der Astrofotografie los. Hätten Sie sich als Astrofotograf außerdem je träumen lassen, dass Sie außer der einigen 12,5-Zoll-Amateuroptik mal eine Acht-Meter-Großteleskop-Fotomaschine in den Anden bedienen würden?

Zu fotografieren begann ich auf Film mit der klassischen G11/C11-Kombo, handnachgeführt. Das ging eine Zeitlang gut, aber als SBIG die ST7/8/10-Serie rausbrachte, musste natürlich eine CCD-Kamera her. Da wurde mir dann auch schnell klar, dass die Nachführung der G11 völlig unzureichend war, und die Optik des C11 ebenso. Ich bin dann auf eine kurzbrennweitige 8″-Flatfield-Kamera von Lichtenknecker umgestiegen und habe die G11 aussortiert. Das  war aber unter lichtverschmutztem Bonner Himmel nicht sehr ertragreich. Richtig los ging es dann erst 2004 auf La Palma, wo ich meine erste Stelle als Postdoc am William-Herschel-Teleskop (WHT) antrat. Unter Roque-de-los-Muchachos-Himmel kam dann schnell der Hunger nach mehr Öffnung, und ich habe meinen foto-optimierten 12,5″-Newton fertig gebaut, der meinen Ansprüchen genügte. Der musste dann natürlich auf eine MAM-50-Montierung, um dem Wind dort oben zu trotzen. Diesem Setup bin ich seither treu geblieben, bis auf einen 4″-FSQ für die ganz stürmischen Nächte.

Zu Studienzeiten hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich tatsächlich mal ein 8m-Teleskop bedienen würde, es war ja nicht klar ob ich überhaupt irgendwo eine Doktorandenstelle und später Arbeit bekommen würde. Nach meinem Diplom war ich ein Jahr bei der ESO/Garching und durfte 3 Mal nach La Silla, um mit dem 2,2m-Teleskop zu beobachten. Im Rahmen meiner Doktorarbeit in Bonn kamen dann auch Beobachtungen mit dem VLT dazu, da bin ich aber nicht selbst hingefahren, sondern die Daten wurden im sogenannten Service-Mode für uns aufgenommen. In La Palma habe ich dann Beobachter am 4m-WHT betreut bzw. selbst Service-Beobachtungen durchgeführt. Und jetzt gerade sitze ich im Kontrollraum des 8m-Gemini-South-Teleskops und fahre eine Nachtschicht als Beobachter (wir haben hauptsächlich Service-Mode-Beobachtungen hier, ich habe etwa 30 bis 40 Nachtschichten pro Jahr in Blöcken von 4 bis 5 Nächten).

Gemini Observatory, AURA

  • Die sehr tiefen Himmelsaufnahmen der Großteleskope zeigen, dass quasi jeder kleine Himmelsausschnitt ein wahres Galaxiengewimmel enthält. Bitte schätzen Sie mal: Wieviele Hintergrundgalaxien werden sich im Kasten des Großen Wagens verbergen?

Der Kasten hat eine durchschnittliche Kantenlänge von etwa 4,8×8,9 Grad, macht 42,7 Quadratgrad. Mit einem 8m-Teleskop kommt man problemlos bis zur 26. oder 27. Größenklasse, da finden sich bereits ca. 100 Galaxien je Quadratbogenminute bei gutem Seeing, macht etwa 15 Millionen Galaxien im Kasten. Mit ein paar Stunden Belichtungszeit werden es auch mehr. Das Hubble Space Telescope (HST) blickt natürlich noch deutlich tiefer, da es nicht vom Seeing betroffen ist und der Himmelshintergrund auch deutlich niedriger liegt. Im Hubble Ultra Deep Field (HUDF) liegt die Galaxiendichte bei etwa 1.000 pro Quadratbogenminute, damit landen wir bei 150 Millionen Galaxien im Kasten des Großen Wagens.

Nein. Der Superhaufen erstreckt sich zwar über mehrere Grad am Himmel, hat aber eine Rotverschiebung von 0,44, entsprechend einer sog. Laufzeitentfernung von 4,6 Milliarden Lichtjahren. Der Prototyp der Grünen-Bohnen-Galaxie, den ich zufällig in der Aufnahme des Superhaufens gefunden habe, hat eine Rotverschiebung von 0,33, und ist somit nur 3,7 Milliarden Lichtjahre entfernt. Da besteht also kein physikalischer Zusammenhang.

  • Wie zu der aktuellen Entdeckung letzte Woche berichtet wurde, haben Sie nahe eines 6,9mag-Sterns im Wassermann tatsächlich einen neuen Galaxientyp beobachtet und sagten dazu: „Das ist unglaublich inspirierend!“ Warum ist ein Milliarden Lichtjahre entferntes grünes Quasar-Echo inspirierend?

Da war zunächst die Entdeckung selbst. Um ein besseres Gefühl für die Verteilung der Galaxien in dem Superhaufen zu bekommen, habe ich ein Farbbild aus meinen Aufnahmen erstellt. Das ist etwa 300 Megapixel groß, und ich habe mir die Freiheit genommen, darin ca. 1 Stunde umher zu scrollen. 100.000 Galaxien, ein Blick in einen Bereich des Universums, den noch nie jemand zu vor gesehen hat. Da sieht man viele Strukturen, letzten Endes sehen das Universum und die Galaxien in diesem Bereich aber auch nicht anders aus als an einer beliebigen anderen Stelle. Ein halbes Jahr später habe ich es mir nochmal angeschaut, und da war dann plötzlich diese knallgrüne und helle Galaxie, die ich beim ersten Mal übersehen haben musste. Mir war augenblicklich klar, dass SO ETWAS wirklich NOCH NIEMALS jemand gesehen hat. So auffällig und noch dazu bizarr, das war einfach unfassbar! Dann setzte natürlich der rationale Verstand ein, und der sagt einem Wissenschaftler, dass das mit Sicherheit doch schon mal jemand gesehen und erklärt hat. Ich habe dann lange Zeit in der Literatur gesucht, und scheinbar ähnliche Objekt gefunden, z.B. die Grünen-Erbsen-Galaxien, oder Quasare, die große Mengen Gas ionisieren und in die Umgebung blasen. Aber nachdem ich das erste Spektrum, aufgenommen mit dem VLT, zur Hand hatte, konnte ich die wahre Leuchtkraft bestimmen. Spätestens da war dann sicher, dass ich auf etwas wirklich außergewöhnliches und sehr seltenes gestoßen bin.

Die wissenschaftliche Analyse hat dann nochmals etwa 2 Jahre und weitere Beobachtungen in Anspruch genommen. Ein sog. Licht-Echo (genau genommen ein Ionisations-Echo) ist bisher die beste Erklärung die wir haben, aber das muss noch durch weitere Beobachtungen abgesichert werden. Das faszinierende an diesen Ionisations-Echos ist, dass sie ein Relikt eines vergangenen, sehr aktiven Quasar-Zustandes sind. Wenn alles so läuft, wie wir uns das vorstellen, dann können wir anhand dieser Echos das erste mal für eine individuelle aktive Galaxie  eine Lichtkurve rekonstruieren, die sich über bis zu hunderttausend Jahre erstreckt. Das ist ein Zeitraum, in denen theoretische Modelle das Erlöschen von Quasaren vorhersagen. Überprüfen konnten wir diese Modelle angesichts der vergleichsweise kurzen menschlichen Lebensdauer bisher nicht. Hier öffnen sich also neue Türen, daher empfinde ich diese Entdeckung insgesamt als enorm inspirierend. Sowas passiert heutzutage in Zeiten großer Surveys wie SDSS oder Pan-STARRS nur den wenigsten Astrophysikern – man würde meinen, man hat schon alles entdeckt … zumindest die hellen und spektakulären Dinge.

CFHT, ESO, Mischa Schirmer

  • In der Astrophysik gibt es die unterschiedlichsten Fachrichtungen. Was begeistert Sie so am Studium von Galaxien?

Mich interessiert so gut wie alles im Universum, und die Arbeit an einem Observatorium kommt dem sehr entgegen. Gerade jetzt nehme ich zum Beispiel ein Spektrum eines Gamma-Ray-Burst auf, etwas später werden wir das Zentrum des kürzlich entdeckten Phoenix-Galaxienhaufens unter die Lupe nehmen, in dem enorme Mengen neuer Sterne entstehen. Das ist reichlich ungewöhnlich für einen alten Galaxienhaufen. Natürlich arbeite ich nicht weiter an diesen Sachen, ich führe nur die Beobachtungen durch. Als Astrophysiker hat man im Allgemeinen nur ein oder zwei Gebiete, in denen man hauptsächlich arbeitet, sonst kann man mit der Entwicklung nicht mithalten.

Galaxien und Galaxienhaufen sind die größten Strukturen im Universum, und quasi Treibgut auf dem Fluß der Dunklen Materie und der Dunklen Energie. Das macht sie hochinteressant. Durch deren Studium lernen wir sehr viel über den Aufbau und die Entwicklung des Universums, die Grenzen der gegenwärtig bekannten Physik, und letzten Endes über unser Dasein selbst. Schließlich ist das Universum unsere Heimat. Und es ist gar nicht mal Lichtjahre weit weg, sondern nur etwa 100 Kilometer. Uns trennt nur eine sehr, sehr dünne Luftschicht von einem äußerst lebensfeindlichen und enorm großen Vakuum … ein sehr respekteinflößender Gedanke.

  • Sie tauchen aber nicht nur in die Welt weit entfernter Galaxien ein, sondern auch schon mal mit der Sauerstoffflasche ab.

Auf La Palma bin ich sehr viel getaucht und habe dort in meiner Freizeit auch als Tauchführer gearbeitet. In Chile hat es mich bisher aber nur einmal unter Wasser verschlagen, da es nur wenige Tauch-Spots gibt. Außerdem ist der Pazifik hier aufgrund des antarktischen Humboldt-Stroms mit ca. 10 Grad ganzjährig reichlich ungemütlich. Im Choros-Nationalpark etwas nördlich von La Serena, wo wir wohnen, haben wir Pinguine … am 29. Breitengrad! Das ist der einzige Ort auf der Welt, wo man diese Tiere und Kakteen gleichzeitig beobachten kann. Dort kann man mit Seehunden tauchen, aber ein warmes Vergnügen ist es nicht. Deutlich besser ist das Juan-Fernandez-Archipel etwa 700km vor der Küste Chiles, ein wahres Naturparadies. Dort wohnen nur 600 Menschen, und das Meer ist nicht überfischt. Da würde ich gerne mal tauchen. Die chilenische Regierung will den dortigen Einwohnern helfen, indem der Öko-Tourismus gefördert und eine Flugverbindung angeboten wird. Der Tsunami von 2010 hat hier schwere Schäden angerichtet, ein Wiederaufbau-Team ist 2011 beim Landeanflug dann auch noch tragischerweise abgestürzt. Das hat die Chilenen sehr getroffen.

Mischa Schirmer

  • Im Mai 2011 hat es Sie von Bonn nach Chile ans Gemini South Telescope verschlagen. Wie haben Sie dort in den anderthalb Jahren eigentlich die Freizeit und die Wochenenden verbracht?

Mit viel Arbeit. Zuerst war natürlich der Umzug nach La Serena. Die Chilenen bauen winzige Häuschen, die dann mit möglichst vielen Zimmern und Wänden vollgestopft werden, so dass man sich kaum darin umdrehen kann. Nach einem Jahr wurde es uns dort zu eng, und wir sind in eines der geräumigeren Holzhäuser gezogen, welche von unserem Arbeitgeber vermietet werden. Im selben Zeitraum haben wir dann auch noch unser erstes Kind bekommen, welches in Santiago geboren wurde. Zwei Umzüge und Kind in einem neuen Land, wir hatten alle Hände voll zu tun. Natürlich haben wir uns auch die weitere Umgebung angeschaut, wie z.B. Isla Choros mit den Pinguinen, den Tres Cruces-Nationalpark östlich von Copiapo  in der Atacama (Salzseen, riesige Vulkane, sehr empfehlenswert, da nicht überlaufen). Kürzlich sind wir auf den Paso Agua Negras hochgefahren, mit 4.750m einer der höchsten befahrbaren Pässe der Welt. Chile hat eine sehr beeindruckende und abwechslungsreiche Landschaft und viele Strände, da wird einem nicht langweilig. Wir haben sehr gute Kontake mit unseren Arbeitskollegen, die ja fast alle unsere Nachbarn bzw. Freunde sind. Man sieht sich oft und verbringt viel Zeit miteinander, bei einem Bier, am Strand, oder vor dem Grill.

  • Welches sind die unvergesslichsten Astroerlebnisse, an die Sie sich erinnern?

Mein erstes echtes Deepsky-Objekt mit dem 60/900mm-Refraktor: M57. Ich war 12 Jahre alt und wusste nur, dass er irgendwo zwischen zwei Sternen in der Leier stand, und hatte keine Ahnung wie hell oder dunkel, klein oder groß er sein würde. Als ich ihn nach eineinhalb Stunden endlich hatte, bin ich vor Aufregung mit dem Fuß gegen das Stativ gestoßen, und weg war er. Ich hab ihn natürlich gleich nochmal gesucht, da ging’s dann schon wesentlich schneller. Andere Dinge, die mir in Erinnerung geblieben sind: Das erste Mal Saturn im Teleskop oder der Himmel auf der Südhalbkugel. Sehr eindrucksvoll war auch eine Feuerkugel in La Palma, welche die Nacht zum Tag gemacht hat, nach 10 Sekunden hinter dem Horizont verschwand und erst dann mehrere Male explodierte. Letzteres konnte man daran sehen, dass der Himmel bis zum Zenit erleuchtet wurde, obwohl die eigentliche Feuerkugel gar nicht mehr sichtbar war. Da ist man froh, dass es eine Atmosphäre gibt, die uns solche Dinger vom Leib hält.

  • Das Universum in einem Satz:

Der einzige Zweck des Universums ist, Leben hervorzubringen; denn wenn keiner da wäre, der das Universum sehen und seine Schönheit bewundern könnte, dann wäre das genauso, als ob es gar nicht existieren würde. Leider weiß ich nicht mehr, von wem dieses Zitat (sinngemäß) stammt.

Vielen Dank für das Interview!

10.12.2012


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