Archive for the 'Forschung' Category



Mit „Pale Red Dot“ live bei einer Exoplaneten-Jagd dabei

Pale Red Dot

20 Jahre ist es nun her, dass erstmals Planeten um andere sonnenähnliche Sterne – sog. extrasolare Planeten oder kurz Exoplaneten – entdeckt wurden. Dazu befasst sich übrigens auch meine Titelgeschichte „Ein Himmel voller Planeten“ für Ausgabe 1 von „Abenteuer Astronomie“, die am 22. Januar erscheint. Oft wird bei diesem populären Thema gefragt, wie man Exoplaneten eigentlich findet und beobachtet, da sie doch um viele Größenklassen von der Helligkeit ihrer Heimatsonne hoffnungslos überstrahlt werden. Mit welchen Techniken gehen Astronomen heute auf die Suche nach Exoplaneten? Dazu hat sich die ESO, die führende europäische Organisation für astronomische Forschung, eine Kampagne ausgedacht, die am gestrigen 15. Januar startete und bis Anfang April laufen soll. In Anlehnung an das bekannte Foto „Pale Blue Dot“ wurde das ESO-Projekt „Pale Red Dot“ genannt. Ziel dieser Kampagne ist es, auf die Suche nach einem Exoplaneten zu gehen und die Öffentlichkeit live daran teil haben zu lassen. Über Social Media (bei Facebook und bei Twitter inkl. Hashtag #PaleRedDot) und Beiträgen in einem Projektblog unter der Adresse www.palereddot.org kann jeder bei einer echten Planetenjagd dabei zu sein. Projektkoordinator Guillem Anglada-Escude erklärt: „Wir wollen das Spannende an der Suche mit den Leuten teilen und ihnen zeigen, wie Wisenschaft hinter den Kulissen funktioniert, den Prozess von Versuch und Irrtum und die Anstrengungen, die notwendig sind, um zu Entdeckungen zu kommen, von denen die Leute normalerweise in den Nachrichten hören.“

Das Ziel dieser einzigartigen Beobachtungskampagne lautet Proxima Centauri, mit 4,25 Lichtjahren Entfernung der nächste Stern überhaupt. Dabei handelt es sich um einen kleinen roten Zwergstern (0,12 Sonnenmassen, Durchmesser: 200.000 Kilometer (halber Abstand Erde-Mond)), der über die nächsten Wochen und Monate beobachtet werden soll; abschließend werden die Ergebnisse Ende des Jahres in einem Fachartikel veröffentlicht. Die Suche wird mit dem 3,6-Meter-Teleskop des La Silla Observatory mit dem leistungsfähigen HARPS-Spektrografen zusammen mit weiteren Instrumenten zweier Teleskopnetzwerke (BOOTES und LCOGT) durchgeführt. Im Vordergrund dieses Projekts steht nicht so sehr die Entdeckung eines Exoplaneten, sondern das Motto: Der Weg ist das Ziel. Denn immerhin besteht die Möglichkeit, dass auch nichts gefunden wird und das ist auch den Astronomen bewusst. Aber so wird schließlich Forschung gemacht, was dieses Vorhaben zeigen soll. Beispielsweise hätte es ja auch genauso gut sein können, dass selbst mit dem gigantischen Teilchenbeschleuniger LHC am CERN kein Higgs-Teilchen nachgewiesen wird. „Wir gehen das Risiko ein, die Öffentlichkeit zu beteiligen, noch bevor wir überhaupt wissen, was uns die Beobachtungen sagen werden – wir können die Daten nicht in Echtzeit analysieren und bewerten“, so der Projektkoordinator weiter. Wie das Resultat von Proxima Centauri aussieht, werden wir also erst Ende 2016 erfahren. Spannend ist es auf jeden Fall auf diese Weise einmal Astronomen bei einer Beobachtungskampagne zuzuschauen – egal was dabei rauskommt. Morgen beginnen die Beobachtungen mit dem 3,6-Meter-Teleskop.

16.01.2016

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Die vorletzte(?) „Sternstunde“-Ausgabe ist online

„Sternstunde“ bei einer öffentlichen Beobachtung zum Astronomietag

„Sternstunde“ bei der Mondfinsternis-Beobachtung in Bonn

Seit Januar 2015 erscheint immer zum Monatsersten eine Ausgabe der großartig gemachten Astronomie-Sendung „Sternstunde“ (www.sternstunde-online.de, alle Videos auf Youtube, Twitter), doch die neue November-Folge könnte leider auch die vorletzte Ausgabe sein. Das abwechslungsreiche und informtive Magazin richtet sich vor allem an Hobbyastronomen und bietet jeden Monat aktuelle Einblicke in die internationale Forschung sowie in die deutsche Amateurszene. Ob im Sternenpark Eifel, beim Astronomietag 2015, in einer großen Weltraum-Ausstellung, bei einer Mondfinsternis-Beobachtung, am höchsten Punkt des 100-Meter-Radioteleskops Effelsberg, im Planetarium Bochum oder im Kontrollzentrum des Kometenlanders Philae – überall war das „Sternstunde“-Team schon unterwegs und führte viele Interviews mit Hobbyastronomen, Fachastronomen, Raumfahrtexperten und Astronauten. Und so aufwendig die Produktion auch ist, geschah am Ende doch alles ehrenamtlich. Und sofern sich nicht ein oder mehrere Sponsoren finden, die das Projekt finanziell unterstützen, wird die Dezember-„Sternstunde“ leider auch die letzte Ausgabe sein. Deshalb heißt es: „Dies ist die vorletzte „Sternstunde“. Leider haben wir es bisher immer noch nicht geschafft Sponsoren zu finden, die dafür sorgen, dass die Produktion der „Sternstunde“ auch 2016 weiter geht. Deshalb in dieser „Sternstunde“: Ein kleiner Beitrag in eigener Sache und die Bitte uns bei der Sponsorensuche zu helfen und Kontakt zu möglichen Sponsoren herzustellen. Sonst ist die nächste Sternstunde leider die letzte, die produziert wird.“ Und gibt es in der aktuellen Ausgabe auch einen speziellen Aufruf (Video oben), in der Michaela Edmundts von der Produktionsfirma mindandvision.tv einige Hintergründe erläutert.

So kann ich mich auch nur dem „Sternstunde“-Team um Paul Hombach und Daniel Fischer anschließen: „Die neue Sternstunde – Ausgabe November 2015 ist da! Bitte teilt diesen Facebook-Beitrag so oft wie möglich, damit möglichst viele Menschen zuschauen.“ Themen der aktuellen Sendung sind u.a. der gewaltige Sternkatalog des ESA-Satelliten Gaia und der zum Medienstar gewordene rätselhafte Kepler-Stern KIC 8462852. Und Hobbyastronom und Astrofotograf Julian Weßel erzählt, wie ihm am 09. Juni bei Bottrop die weltweit erste Transitaufnahme von der Raumstation ISS vor dem Jupiter gelang. Am Ende gibt es wie immer noch die monatliche Himmelsvorschau sowie Bilder und Videos von Zuschauern.

01.11.2015

Heute: Vorbeiflug des Halloween-Asteroiden 2015 TB145

So sieht er also aus: der Asteroid 2015 TB145, der erst diesen Monat am 10. Oktober entdeckt wurde und heute um 18:00 Uhr in rund 1,3-facher Mondentfernung – 480.000 Kilometer – an der Erde vorbeifliegen wird. Passend zu Halloween wird er in den Medien bereits „Spooky“ genannt oder als Pumpkin- bzw. Kürbis-Asteroid bezeichnet. Und wie die obige erste Radar-Aufnahme, gestern mit dem 305-Meter-Arecibo-Radioteleskop empfangen, erkennen lässt, hat 2015 TB145 schon irgendwie Ähnlichkeit mit einem Totenschädel. Das Bild zeigt außerdem, dass der Asteroiden-Besuch nicht wie berechnet 320 Meter, sondern etwa 600 Meter groß ist. Es scheinen sich auch weitere Hinweise zu zeigen, dass der Asteroid eigentlich ein erloschener, toter Komet sein könnte. Bereits die ungewöhnliche Umlaufbahn lässt einen kometaren Ursprung vermuten. So gesehen ist 2015 TB145 um einiges spannender, als die nahen monatlichen Asteroiden-Besucher (gang unten), die ganz normal und für die Erde nicht gefährlich sind – auch wenn die Medien immer gern vom Weltuntergang schreiben.

Auch für Teleskopbesitzer ist der große Halloween-Himmelskörper sehr interessant, denn immerhin erreicht er heute Nachmittag im erdnächsten Punkt die 10. Größenklasse. Zum Dämmerungsende und ohne störenden Mond am Himmel ist der Asteroid um 18:00 Uhr immer noch 10,7mag hell (knapp unterhalb des Kastens des Großen Wagen), allerdings wird er schnell lichtschwächer und hat 2 Stunden später nur noch eine Helligkeit von 12,5mag (im Sternbild Jagdhunde). Gute Aufsuchkarten für die Beobachtung von 2015 TB145 finden sich hier (18:00 Uhr) und hier (19:00 Uhr). Wer nun kein Fernrohr oder einen wolkenverhangenen Himmel hat, kann hier ab 17:30 Uhr den Livestream des Slooh-Portals einschalten. Für das Rheinland sieht die derzeitige Wolkenprognose ganz gut aus, so dass ich direkt um 18:00 Uhr mein Glück versuchen werde. Denn außerdem ist es der dichteste Vorbeiflug eines Asteroiden dieser Größe für insgesamt 30 Jahre. In diesem Sinne: Clear Skies!

[Update] Vergangene Nacht ab 1:00 Uhr gab es bereits diese Liveübertragung aus Italien. Parallel dazu hat Hobbyastronom Oliver Schneider den Asteroiden fotografiert, woraus eine dynamische GIF-Animation (von 2:03 bis 3:23 Uhr) und diese Aufnahme, die die schnelle Bewegung deutlich werden lässt, entstanden sind.

2015 TB145 am 31.10.2015 zwischen 3:40 und 3:59 MEZ; Oliver Schneider

31.10.2015

Extremer Superflare von DG CVn

Auch wenn es nicht den Anschein hat, aber der Auslöser dieser riesigen Coronal Mass Ejection (CME) und des anschließenden Teilchenschauers auf den Kamerachips von SOHO war kein normaler X-Flare. Vielmehr handelt es sich bei der am 04. November 2003 ereigneten Eruption mit einer Stärke von X45 um den energiereichsten solaren Flare überhaupt; in einer ähnlichen Größenordnung soll übrigens das bekannte Carrington-Event von 1859, das allerdings bei Ankunft an der Erde den größten beobachteten geomagnetischen Sturm auslöste, liegen. Doch selbst ein X45 auf der X-Flare-Skala wird von einem noch viel extremeren Röntgenflare in den Schatten gestellt. Dieser stammt vom nahe des Kugelsternhaufens M 3 zu findenden Sterns DG CVn, der mit einer Helligkeit von 12,2mag schon mit kleiner Teleskopöffnung zu sehen ist. Als sog. Flaresterne bezeichnete veränderliche Rote Zwerge sind schon lange bekannt, aber was sich bei jenem schwachen Lichtpunkt im Sternbild Jagdhunde abspielte, überraschte die Astronomen völlig.

Am 23. April 2014 um 23:07 MESZ begann auf ihm eine wahre Flare-Serie ungeahnten Ausmaßes, denn mit gleich sieben großen Eruptionen und einer maximalen Temperatur von 220 Millionen Kelvin ist es definitiv das längste (erst nach zwei Wochen beruhigte sich das Aktivitätsgebiet und der Stern kehrte zu seinem normalen Level zurück) und heißeste (solare Flares erreichen nur bis zu 30 Millionen Kelvin) Ereignis dieser Art. Auch ihre Stärke übertraf solare Events und selbst den X45-Flare um viele Größenordnungen, und das schon allein mit dem stärksten Energieblitz, mit der die energiereiche Kaskade ihren Anfang nahm. Gemessen an der bekannten Flare-Skala, so schätzten die Wissenschaftler ab, hat man auf DG CVn einen X100.000-Superflare beobachtet. Noch dazu wurde die gigantische Eruption nicht nur im Röntgenbereich detektiert, denn währenddessen wurde der Stern im Visuellen um 2,5mag und im UV-Bereich um 5,0mag heller. Auf dem nur 60 Lichtjahre fernen aktiven Roten Zwerg hätte man also tatsächlich schon mit einem Fernglas einen Weißlicht-Flare beobachten können.

01.10.2014

Heute live: Berggipfel-Sprengung für das E-ELT

Bevor das größte optische Teleskop der Welt in knapp einem Jahrzehnt so aussieht wie in dieser künstlerischen Darstellung, erfolgt heute der erste Spatenstich. Ein Spatenstich explosiver Art um genau zu sein, denn der Gipfel des 3.000 Meter hohen Cerro Armazones, 22 Kilometer vom berühmten Cerro Paranal mit dem VLT entfernt, muss zunächst um 20 Meter kürzer gemacht werden. Kurzer Rückblick: April 2010 wurde der Cerro Armazones als Standort für das Riesenteleskop der ESO ausgewählt, 2011 wurde der geplante Spiegeldurchmesser für das E-ELT von 42 auf 39 Meter reduziert und im Juni 2012 wurde in Garching über den endgültigen Beschluss zum Bau abgestimmt. Heute erfolgt zwei Jahre danach nun die erste Sprengung zur Gipfel-Einebnung für die europäische Milliarde-Euro-Sternwarte in Chile. Und die ESO feiert das heutige Ereignis mit einer Liveübertragung von 18:30 bis 20:30 MESZ (die eigentliche Sprengung soll vermutlich gegen 20:10 MESZ stattfinden), via Twitter können auch Fragen unter dem Hashtag #EELTblast gestellt werden. „Mit der Ruhe und Abgeschiedenheit, die ich im März 2010 dort oben noch erlebt habe, ist es hiermit endgültig vorbei„, schreibt dazu ein Hobbyastronom, der 2010 auf dem Armazones noch beobachtet hatte. Und in 9 Jahren wird auf dem jetzt entstehenden Plateau schließlich der wissenschaftliche Betrieb mit dem gigantischen 39-Meter-Spiegel des European Extremely Large Telescope (E-ELT) beginnen.

[Nachtrag] Blogger Jan Hattenbach ist vor Ort und twittert bereits live vom Groundbreaking-Event. Außerdem hieß es auf eine Nachfrage, dass heute 5.000 m³ Gestein gesprengt werden sollen, im Laufe der nächsten Monate werden es aber insgesamt 220.000 m³ werden.

19.06.2014

Kepler-10c: Keine Supererde, sondern erste Mega-Erde

David A. Aguilar (CfA)

So sieht das aktuelle Bild des Sternsystems Kepler-10 in einer künstlerischen Darstellung aus. Seit ein paar Jahren ist bekannt, dass dieser 11,0mag heller und 560 Lichtjahre ferner Stern von Sonnengröße das Zentralgestirn von zwei Exoplaneten ist. Mit Kepler-10b hatte man hier den ersten extrasolaren Gesteinsplaneten überhaupt entdeckt, bei dem es sich sicherlich – bei Temperaturen von 1.800 Kelvin und mehr – um eine rot glühende Lavawelt von 1,5-fachem Erddurchmesser handelt. Nun offenbart auch Kepler-10c, der äußere Planet von Kepler-10, eine einzigartige Natur und präsentiert sich sogar als erster Fund einer völlig neuen Planetenklasse. Diese Ergebnisse erschienen gestern in einem Fachartikel sowie in einer Pressemeldung und wurden ebenfalls auf der bekannten und diesmal in Boston stattfindenen AAS-Tagung (ein deutscher Live-Blog dazu) vorgestellt.

Grundlage für die neue Analyse sind über zwei Jahre hinweg rund 150 durchgeführte Beobachtungen mit dem HARPS-N-Spektrograf am 3,57-Meter-Teleskop auf La Palma. So konnten mit hochaufgelösten Spektren 4x mehr präzise Radialgeschwindigkeitsmessungen durchgeführt werden als bisher. Damit wurden die stellaren Parameter des sonnenähnlichen Sterns überprüft und verfeinert, ebenso konnten dadurch die Massen beider Planeten und somit auch ihre Dichten um einen Faktor 2 besser bestimmt werden. Mit 5,8 g/cm³ zählt der kochende Kepler-10b weiterhin zu den Supererden mit einer der Erde vergleichbaren Dichte, die große Überraschung hält allerdings die Nachbarwelt Kepler-10c bereit und lässt sich so zusammenfassen: „Mega-Erde: 2,3-mal Erdgröße, 17 Erdmassen, alles Felsen“. Und wieder haben die Exoplanetenforscher eine Entdeckung, mit der sie nicht gerechnet haben. Im Zuge des gewichtigen Fundes, immerhin eine Welt mit der Masse von Neptun in eine Kugel von ungefähr doppelter Erdgröße gepresst (was eine Dichte von 7,1 g/cm³ ergibt), spricht man hier schon vom Godzilla unter den Planeten. „This is the Godzilla of Earths!“

Angesichts des mit rund 11 Milliarden Jahren sehr hohen Alters des Sternsystems und der fast 600 Kelvin heißen Oberfläche von Kepler-10c, schließen die Astronomen eine dichte Gashülle aus Wasserstoff und Helium bereits aus. Die ferne Mega-Erde von Kepler-10 kann eigentlich nur fast vollständig aus Gestein bestehen und falls flüchtige Elemente doch noch vorhanden sein sollten, dann beispielsweise Wasser, was am ehesten als exotisches Eis in einer Hochdruckphase vorliegen würde.

03.06.2014

In 35 Stunden startet Alexander Gerst mit Rückenwind zur ISS

„Ich verspreche Ihnen, dass jeder von Ihnen fliegen wird“, sagte der ESA-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain in einer Festansprache im European Astronaut Center (EAC) am DLR-Standort in Köln-Porz. Am 22. November 2010 wurden hier dem Geophysiker und Vulkanologen Alexander Gerst sowie fünf weiteren europäischen Kollegen ihre Ernennungsurkunden zu ESA-Astronauten überreicht. Die ernannten Astronauten hatten die Grundausbildung bestanden und hatten sich damit letztlich gegen insgesamt 8.400 Bewerber durchgesetzt. Dordain weiter: „Unsere Astronauten sind die Botschafter der Menschheit im Weltraum.“ Gerst ist aber nicht bloß im Weltraum ein Botschafter, denn im Zeitalter von Social Media lässt er online schon längst alle an seinen mehrjährigen Vorbereitungen auf drei Kontinenten teilhaben. Alexander Gerst twittert (zu 20.000 Followern), postet bei Facebook und Flickr, bloggt im eigenen Blue-Dot-Missionsblog oder ist in zahlreichen Videos bei Youtube zu sehen, denn der 38-jährige Astronaut aus einer Kleinstadt in Baden-Württemberg „hat noch eine andere, größere Mission: Er soll den 165 Millionen Euro, die Deutschland jährlich für die bemannte Raumfahrt ausgibt, ein Gesicht geben, soll die Menschen überzeugen, dass das Geld gut angelegt ist.“ Besonders in den letzten Wochen konnte man sehen, wie die mediale Aufmerksamkeit um seine Person, seine letzten Vorbereitungen, seine Blue Dot genannte Mission (DLR-Seite, ESA-Seite, Twitter-Hashtag #BlueDot) und selbst um das 100-Milliarden-Dollar-Labor in der Erdumlaufbahn immer weiter zunahm: Neben den üblichen Interviews war von einer einstündigen Pressekonferenz im März in Köln bzw. einem Pressetermin im April in Berlin bis zur einer Weltraum-Ausgabe der „Sendung mit der Maus“ für die Kleinen am letzten Sonntag alles dabei. Eine kleine Plüschmaus wird tatsächlich morgen Abend ebenfalls für sechs Monate zur Raumstation ISS aufbrechen, und man kann sogar Fragen ins All schicken. Gestern stand für Gerst z.b. ein kurzes Skype-Gespräch mit Bundespräsident Joachim Gauck, der mit zahlreichen Diplomaten das ESA-Satellitenkontrollzentrum ESOC in Darmstadt besuchte, auf dem Plan.

Links: Alexander Gerst (GCTC), rechts: Logo zu seiner Mission “Blue Dot” (ESA)

Internationale Raumstation ISS rund 400 Kilometer über der Erde

Jetzt sind es noch genau 35 Stunden bis zum Start der Sojus-Rakete und dem Beginn seiner sechsmonatigen Mission an Bord der ISS. In Baikonur wurde gestern der rund 30 Tonnen schwere und 45 Meter lange Koloss aus der Montagehalle zur Startrampe gefahren und aufgerichtet. Journalisten und Blogger sind für ihre Liveberichte direkt vom Startplatz längst vor Ort (es wird via #AlexTweetup und #SPONbaikonur getwittert), anwesend sind auch Sigmund Jähn und Ulf Merbold, die ersten beiden deutschen Raumfahrer, sowie der Vater des Astronauten Alexander Gerst. Um 21:56 MESZ am Mittwoch ist es dann endlich soweit: Mit 26 Millionen PS und 280 Tonnen Treibstoff wird der Geophysiker mit seinen beiden Kollegen, dem Amerikaner Reid Wiseman und dem Russen Maxim Surajew, in den Nachthimmel donnern. Und während in Kasachstan der Feuerstuhl abhebt und auf dem Weg in den Weltraum ist, wird überall in Deutschland der Start des 11. deutschen Astronauten gefeiert werden. Und das nicht nur alleine am Bildschirm via Livestream, sondern in bester Fußball-WM-Manier beim gemeinsamen Rudelgucken. Die drei offiziellen Veranstaltungen finden in Frankfurt, Oberpfaffenhofen und in Köln statt. Alle Informationen zum Public-Viewing in der Domstadt inkl. einem Talk- und Showprogramm finden sich hier und hier. Der Leiter des DLR in Köln-Porz erklärt: „Hier ist unser Hauptsitz, hier bildet die ESA die europäischen Astronauten aus, und unser Mann im All wohnt in der Domstadt. Was liegt also näher, als dieses Ereignis gemeinsam zu feiern?“ Weitere Public-Viewing-Aktionen soll es noch in Berlin, Bremen, Cottbus, Stuttgart und sogar im vogtländischen Heimatort von Sigmund Jähn geben. Ebenso wird man in der Stadthalle von Künzelsau, Gersts baden-württembergische Heimat, den Start im russischen Baikonur gespannt verfolgen. Vom Bürgermeister heißt es: „Wir in Künzelsau sind stolz auf unseren berühmten Botschafter und gratulieren Alexander Gerst zu seinen herausragenden Leistungen.“ Auch vom singenden Astronauten Chris „Major Tom“ Hadfield gibt’s eine Grußbotschaft und Thomas D wünscht dem deutschen Astronauten Rückenwind für den Start. Außerdem: Eine vollständige Liste mit Sondersendungen im TV (u.a. im Bayerischen Rundfunk, ZDF, N24, N-TV, Phoenix) und mit Webcast-Angeboten (z.b. dlr.de/next (zeigt die NASA-TV-Übertragung), dlr.de) ist hier zu finden.

Alexander Gerst auf Tuchfühlung mit seiner Sojus-Kapsel

Gestern wurde die Sojus-Trägerrakete zum Startplatz gerollt

Die Sojus-Kapsel mit der Kennung TMA-13M und dem Rufzeichen „Kepheus“ soll bereits nach nur vier Erdumkreisungen, also nach etwa sechs Stunden Flugzeit, an der Raumstation ankommen. Zuvor soll übrigens die Sojus bei zwei ISS-Überflügen (um 1:03 MESZ und 02:36 MESZ; für Standort Bonn) über Deutschland sichtbar sein. Das Andocken des Raumschiffs soll um 3:48 MESZ stattfinden, dann ist die ISS für ein halbes Jahr das Zuhause für den Deutschen. Damit erfüllt sich zugleich ein Kindheitstraum. Denn obwohl Gerst letztlich Geowissenschaftler wurde, hatte er doch immer die alte Faszination für den Weltraum im Hinterkopf. Zum wöchentlichen Pflichtprogramm des neugierigen Knripses gehörten die Abenteuer von Captain Future, er war ebenso ein Fan der „Space Night“ im Bayerischen Fernsehen, las „Die Astronauten“ von Stanislaw Lem und stellte am Tag „25 Fragen über Blitze, Stürme und das Weltall“. „Soweit ich mich zurückerinnern kann, hat mich das schon immer fasziniert, Astronaut zu werden“, erzählt der heutige ESA-Astronaut. „Ich war schon immer neugierig und hatte das Glück, dass ich Eltern und Großeltern hatte, die nie versucht haben, mir diese Neugier auszutreiben.“ Schon im Alter von sechs Jahren sendete er seine Stimme zum Mond – und hörte sie zwei Sekunden später verzerrt im Lautsprecher. Mit seinem Opa hatte er den Mond angefunkt und lauschte seiner eigenen Stimme, die von der Mondoberfläche reflektiert wurde. „Ich war fasziniert. Ein kleiner Teil von mir war auf dem Mond gewesen. Unglaublich.“ Und selbst der damalige Betreuer bei Gersts Diplomarbeit über einen neuseeländischen Vulkan erzählt heute: „Was ich aber sehen konnte war, dass er in seiner Arbeit immer ein Stück weiter wollte, als es die eigentliche Aufgabenstellung erfordert hätte. So, als mache ihn das, was jenseits des unmittelbaren Horizonts liegt, besonders neugierig. Als ich das Gutachten zu seiner exzellenten Arbeit schrieb, dachte ich: So einer wäre im 18. oder 19. Jahrhundert ein Entdeckungsreisender geworden und hätte die unbekannten Weiten der Erde erforscht. In moderner Form macht er das ja heute auch.“

Aus dem wissbegierigen Jungen von damals, der mit 21 Jahren nur mit einem Rucksack auf dem Rücken schon die ganze Welt bereiste, wurde ein Vulkanforscher, der im Mai 2008 von einer Ausschreibung für neue ESA-Astronauten las und sich bewarb. Die Zusage erhielt Gerst, als er seine Doktorarbeit abschloss; und heute bezeichnet er nach wie vor das dreimonatige Russischen lernen in der Grundausbildung als die größte Herausfordung der gesamten Ausbildung. Seit seiner Bewerbung sind nun ganze sechs Jahre vergangen und die Erfüllung eines Kindheitstraumes bzw. der Start in sein größtes Abenteuer, die ISS-Expedition 40/41, steht nun unmittelbar bevor. 1,5 Kilogramm an persönlichen Dingen kann der deutsche Astronaut zur sechsmonatigen Blue-Dot-Mission mitnehmen. „Vor allem Fotos von der Familie und Freunden. So ein bisschen als Anker, dass ich weiß, wo ich herkomme.“ Lems „Die Astronauten“ und Carl Sagans vor 20 Jahren erschienenes Buch „Pale Blue Dot“ hat er als Reiselektüre dabei. Außerdem befinden sich unter den Souvenirs u.a. eine Flagge aus Künzelsau, ein kleines Mauerstück des Kölner Doms und eine Kölner Stadtfahne sowie eine Flagge des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), an dem Gerst Geophysik studierte.

Ein halbes Jahr lang wird der deutsche Astronaut auf die eine oder andere Weise an 160 Experimenten auf der ISS beteiligt sein. Einzelheiten zu seinen hauptsächlichen Arbeiten sind ausführlich auf 25 Seiten in der offiziellen Broschüre zur Mission nachzulesen. Dabei geht es aber nicht nur um Materialphysik, Biologie oder Humanphysiologie, denn Gerst wird z.b. auch das letzte ESA-Versorgungsraumschiff ATV-5 in Empfang nehmen und natürlich gibt es selbst 400 Kilometer über der Erde ebenso die ganz normalen All-Tags-Tätigkeiten. Wie das Logo der Blue-Dot-Mission mit der blauen Erde und den schützenden Händen bzw. das dazugehörige Motto „Shaping The Future“ außerdem schon erkennen lassen, will man mit der Langzeitmission zugleich die Aufmerksamkeit der Menschen auf den Schutz unseres zerbrechlichen Heimatplaneten lenken. Auf dem Programm steht auch ein Bildungsprogramm, was etwa ein Zehntel der Zeit in Anspruch nehmen soll. Beispiele für die geplanten Experimente und Vorhaben für die Bildung und Nachwuchsförderung sind „Beschützer der Erde“, „Aktion 42“ oder die Flying-Classroom-Versuche, zudem soll es für Schüler auch direkte Funkkontakte mit dem deutschen ISS-Botschafter geben. Und sicherlich wird sich der Geowissenschaftler auch weiterhin via Twitter und Facebook melden und uns Bilder von der einmaligen Aussicht auf unsere kleine blaue Erde zeigen.

Siehst du den Horizont? Direkt über’m Boden fängt der Himmel an. Und wär ich dort, dann würd ich wetten, dass ich ihn erreichen kann. Doch hier hat es den Anschein – Bin ich dafür zu klein“ (Prolog zum Song „Rückenwind“ von Thomas D)

27.05.2014

[Nachtrag, 28.05.2014] #GoAlex ist das offizielle Fan-Hashtag bei Twitter zum heutigen Start, und hier gibt’s einen Live-Blog.


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