01./02. April 2005 – Freitag/Samstag

Um 8:10 MESZ bin ich regelrecht aus dem Bett gehüpft. Draußen lachte mir von einem lang nicht mehr erblickten blauen Himmel die Sonne ins Gesicht. Die Nacht davor war noch ziemlich verhangen und so war ich in der Voreifel wohl der letzte Spechtler, bei dem sich endlich das angekündigte Hoch Leia vorstellte. Zudem fragte ich mich zum Frühlingsanfang noch, wo denn bitteschön ein „Wahnsinn’s Seeing letzte Nacht“ zugegen war – bei mir jedenfalls nicht. Das lag nun aber alles hinter mir und nicht ein Wölkchen war weit und breit in Sicht, den ganzen Tag über.

Sonne in zwei neuen Okularen

Irgendwann habe ich den weißen 8-Zoll-Dobson an die Luft gesetzt und machte zwischen 18:00 und 19:00 MESZ einige Sonnenaufnahmen und testete auch gleich meine neuen Orion-Plössls: ein 25mm und 10mm Okular mit 50 Grad scheinbarem Gesichtsfeld. Im Sucher waren deutlich 0747 und 0748 als kleine schwarze Punkte auszumachen und ich bin zwar im Vergleichen so überhaupt nicht der Profi, aber ich meine, dass das neue 10er im Gegensatz zum alten 10mm ein wenig mehr Kontrast lieferte.

Eigentlich muss ich, wenn das Bild scharf ist und ich fotografieren möchte, über das Display nochmal nachfokussieren. Bei dem neuen 10mm war dies nicht der Fall und überhaupt gefielen mir die „neuen Sonnen“ besser. Das war zumindest mein erster Eindruck gewesen. Ich meine auch noch im Sucher neben 0747 eine kleine Andeutung gesehen zu haben, im Okular zeigte sich dann eine graue längliche Fläche mit drei schwarzen Umbrae darin.

Nutscheid oder Grafschaft?

Für die kommende Nacht trommelte der Köln-Bonner-Astrotreff (KBA) alle zusammen, die am Nutscheid spechteln wollten. Ich hingegen hatte mir vorgenommen endlich hier in der Grafschaft nach einem geeigneten Beobachtungsplatz Ausschau zu halten. Hin und her gerissen entschied ich mich auf den letzten Drücker für den Nutscheid und wie sich in der Nacht darauf herausstellen sollte, war dies die einzig richtige Wahl. Ein Treffen war schließlich für 21:30 MESZ abgemacht, ich trudelte natürlich 15 Minuten später ein.

Etwa gegen 22:15 MESZ, angekommen am eigentlichen Beobachtungsplatz, waren alle mit auspacken und aufbauen beschäftigt und sofort fiel das Auge auf einen lockeren Sternhaufen östlichen vom Löwen. Wie ich nun weiß, handelt es sich dabei Melotte 111, der erst 1915 in einem Katalog erfasst wurde. Das Ganze wurde von einem Kauz irgendwo in der Nähe untermalt. Größte Aufmerksamkeit wurde wohl Toms und seinem großem Dobson zuteil. Wer konnte denn ahnen, dass ein 14,5-Zöller aus dem Laderaum gefahren kommt. Bei der ersten großen KBA-Beobachtungsnacht waren etwa ein Dutzend Beobachter dabei.

Jupiter

Zuerst richtete ich meinen Dobson natürlich auf Jupiter und verglich auch nochmal die beiden 10mm bzw. ich versuchte es als Laie. Ich hatte zwar die GRF-Zeiten nicht im Kopf, aber erkannt habe ich ihn jedenfalls nicht. Bei 100x konnte ich dafür sehr schön das STB beobachten und ich stellte zum ersten Mal fest, dass die Zone zwischen den Äquatorbändern einen Hauch dunkler war, als jenseits der beiden Bänder.

Saturn und Eskimo

Für den Ringplaneten hatte ich mir die Stellungen der Monde eingeprägt und tatsächlich standen paarweise Titan und Japetus, Tethys und Dione am Himmel und auf der anderen Seite war noch Rhea zu finden. Meine Freundin entdeckte sogar ein Wolkenband auf der Saturnkugel. Im totalen Blindflug suchte ich den Eskimonebel, der noch irgendwo bei Saturn herumschwirren sollte und tatsächlich fand ich ihn nach kurzer Zeit. Auffällig fand ich die stellare Erscheinung in der Mitte des Nebelscheibchens.

Trio in Leo

Ich glaube, erst zum zweiten Mal steuerte ich das bekannte Triplett im Löwen an. Im etwa 0,8 Grad großen Gesichtsfeld des 20er Okulars hatte das Trio noch gemütlich Platz. M 65 oben links, M 66 oben rechts und unten war noch die längliche NGC 3628 im Blickfeld. Ich möchte die Erscheinung von M 65 wie im Karkoschka beschreiben: „kreisförmiges Zentralgebiet vor länglichem Hintergrundnebel“ Besonders in einem 12″ f/4 konnte ich dieser Beschreibung zustimmen.

Jupiters Geist

Zum ersten Mal richtete ich dann noch meinen Newton auf NGC 3242, der auch leicht auffindbar war. Von mü Hya befindet er sich ungefähr 3 Grad südlich, aber außer einem runden nebligen Etwas war nichts zu machen. Das war es auch eigentlich von meinen Objekten, aber so eine Starparty bietet natürlich den Vorteil, dass man auch mal bei anderen Instrumenten durchlinsen kann.

M 51 in Begleitung

Die berühmte Strudelgalaxie in den Jagdhunden bot in dieser Nacht in mehrfacher hinsicht großartige Boachtungsmöglichkeiten. Zum einen zischte ein Meteor durch’s Okular und für vielleicht eine Minute lang konnte ich rechts neben dem Galaxienpaar einen grauen Faden sehen. Wo kommt denn so plötzlich eine neue Galaxie her? Es handelte sich natürlich um die Rauchspur vom außerirdischen Eindringling. In Richtung Südosten und Nordwesten konnte ich jeweils noch zwei Sternschnuppen am nächtlichen Firmament erwischen. Dann stand endlich M 51 in Toms 14,5-Zöller zur Begehung bereit. Und sowieso zeichnete sich vor seiner Leiter die längste Schlange ab. Beim ersten Hindurchsehen konnte ich ohne Mühe Spiralarme entdecken. Bei diesem sagenhaften Anblick war es gar nicht so leicht den Überblick zu behalten, da ich natürlich die Arme verfolgen wollte, um mir ein genaues Bild dieser fernen Welt machen zu können. Aber eigentlich handelt es sich ja nur um zwei Arme, die sich um das helle Zentrum winden.

Ich für meinen Teil habe oben links im östlichen Bereich ein deutlich helles Band und ein schwächeres weiter außen erkannt. Auf der gegenüberliegenden Seite verlief ein ebenso auffallender Arm. Aber von einer Materiebrücke von M 51 zu NGC 5195 war eigentlich nichts zu erkennen. Allerhöchstens kann hier von einer schwachen Aufhellung die Rede sein. Aber die zarten Bahnen hoben sich gut sichtbar vom dunklen Himmelshintergrund ab. Auch ein heller Vordergrundstern konnte in dem Whirpool von M 51 gesichtet werden. Auf alle Fälle eine wunderbare Galaxie.

M 104 und NGC 4565

Auch zwei Edge-On-Galaxien, M104 und NGC 4565, wurden in Augenschein genommen. Bei 300-fach war NGC 4565 im Haar der Berenike gesichtsfüllend zu bewundern. In der Interstellarum wird der Durchmesser mit 15,9 Bogensekunden angegeben. Der Eindruck des Staubbandes glich in etwa der Beobachtung der Variante, die die Sombrerogalaxie M 104 bot. Bei beiden Sterneninseln erkannte ich, dass jeweils eine Längsseite schärfer abgegrenzt war als die gegenüberliegende. Jenseits der dunklen Markierung war noch eine schwache Aufhellung erkennbar. So nahm ich das bei beiden Galaxien als Anzeichen der Staubbänder. Eigentlich erwartete ich ein anderes Bild im Okular, aber das ist ja noch ausbaufähig und nächstes Mal gebe ich mir mehr Mühe. Auch wenn sie nicht zweifelsfrei von mir gesichtet wurden, war das mein erster richtiger Ausflug in die Welt ferner Dunkelwolken. Wissenswertes zur Sombrerogalaxie ist auch in der aktuellen Interstellarum nachzulesen, denn M 104 wurde zwar schon am 11. Mai 1781 von Pierre Méchain entdeckt, allerdings wurde die Galaxie mehr oder weniger offiziell erst 1921 von Camille Flammarion in den Messier-Katalog eingefügt.

NOSS-Triplett

Es war etwa gegen 23:30 MESZ als drei sich bewegende Sterne bekannt entdeckt wurden und sich sofort unsere Köpfe gen Zenit neigten. Natürlich konnte es sich hierbei nur um das NOSS-Triplett handeln, welches im Forum schon einige Male auftauchte. Wie im Formationsflug schwebten die drei Satelliten über unsere Köpfe hinweg. Eine Höhe von 81 Grad gibt die Seite Heavens Above an, was gut zu unserer zenitnahen Sichtung passt.

Grenzgröße

Später machten wir uns auch noch daran, die visuelle Grenzgröße zu bestimmen. Im Kleinen Bären konnte ich ohne Probleme den mit 6,0mag angegebenen Stern SAO 8612 halten. Zur besseren Bestimmung wanderten wir noch zur Deichsel vom Großen Wagen und in Absprache mit den anderen Mitspechtlern kamen wir auf eine Grenzgröße von 6,2mag. Unterhalb vom letzten Deichselstern, eta UMa, kann ein Sternendreieck gesehen werden, welches schon zu Bootes gehört. Dazwischen befindet sich der 6,2mag helle SAO 28989.

Im Virgo-Galaxienhaufen

Auch die Begegnung mit dem Virgohaufen war meine erste Beobachtung eines Galaxienschwarms überhaupt. Dieser hat dank Toms „analoger Sprachsteuerung“ auf jeden Fall einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Ich auf der Leiter „schubste“ seinen 14,5-Zöller und bei ihm wanderte das Kreuz über den digitalen Virgohaufen auf dem Laptop. So bekam ich immer angesagt, wo ich mich gerade befand und wohin ich denn müsste, wenn ich von Markarians Kette zu M 87 möchte. So war ich mittendrin, eingetaucht in einen Galaxienschwarm und um mich herum nur schwarz. Von dieser Aussicht war ich schlichtweg überwältigt. Ich war nur noch umgeben von anderen Milchstraßen. Es war einfach fantastisch. Das war mein erster Kontakt mit dem Virgohaufen. 50 Millionen Lichtjahre von der Erde. Danke Tom, für diese sprachgesteuerte Spazierfahrt.

M 82

Was soll an M 82 so toll sein, dachte ich nur. Wieso denn Dunkelwolken, wo doch M 82 keine gemeine Spiralgalaxie darstellt? Ich sah durch’s Okular und sah verwundert auf eine auffallend mehrfach geteilte irreguläre Galaxie. Nach der Gewöhnung an das Bild, würde ich sagen, dass die graue Erscheinung von M 82 an drei Stellen von dunklen Strukturen unterteilt war. Eines in der Mitte und die anderen senkrechten Bänder folgten dann mit etwa den gleichen Abständen rechts und links davon, auf genaue Abstände zueinander habe ich aber nicht extra geachtet. Ich habe einfach nur genossen. Unbeschreiblich! Das muss man selbst erleben. Ein viertes Dunkelband kam zwar nicht mehr ganz so schön in schwarz da her, aber ich meine neben der äußersten linken Struktur noch etwas wahrgenommen zu haben.

M 13 in Begleitung

Den berühmten Kugelsternhaufen in Herkules durfte ich in der Nacht schon in anderen Teleskopen sichten und so entdeckte ich ebenfalls zum ersten Mal die kleine, doch recht auffällige Nachbargalaxie NGC 6207. Doch in dem 14,5-Zöller hat es mich umgehauen. Da funkelte das ganze Gesichtsfeld. Ins Auge fielen sofort geschwungene Sternenketten, die sich am rechten Rand entlang zogen und die ich mit den „Henkeln“ von Saturn verglich. Wie ein riesiger Eiskristall wirkte der Kugelsternhaufen auf mich. Von einer nächtlichen Straßenlaterne ausgeleuchtete Schneeflocken, die aus der Dunkelheit zu Boden schweben, trifft es noch ein wenig besser. In diesem Fall wären es mehr als 200.000 Schneeflocken, die im Halbdunkel den Erdboden suchen.

Auf jeden Fall ein wunderbarer Anblick und zugleich das Abschlussbild der Beobachtungsnacht. Unsere Füße waren schon ein wenig angefroren, der Dobson war wieder im Auto verstaut und um 2:30 MESZ verabschiedeten wir uns von Tom und Martin, die später sogar noch NGC 7000 visuell bestätigen konnten.

Alles in allem

Fast am Ziel angekommen sah ich schon den Skorpion über dem Horizont. Nach etwa einer Stunde Fahrt trudelten wir auch wieder zuhause ein und das Auspacken wurde kurzerhand auf Nachmittag verschoben. Gegen 4:00 MESZ war endlich das Licht aus und nach 5,5 Stunden Schlaf hieß es auch schon wieder raus aus den Federn. Das war natürlich völlig vorhersehbar. Vor allem war es eine unbeschreibliche Nacht und die 5 Stunden Beobachtungszeit am Nutscheid haben wirklich einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich kann es nicht anders ausdrücken. So muss „Astronomie live“ sein.

Zudem war es auch eine Nacht der ersten Male: zeta Cnc, Staub in M 82, M 104 und NGC 4565, Spiralarme von M 51, Galaxie neben M 13, der reichhaltige Virgohaufen, Jupiters Geist, erste richtige Bestimmung der Grenzgröße, ein NOSS-Trio und alles weitere, was mir gerade nicht einfällt. Darüber hinaus war es natürlich mein erstes KBA-Spechteln und zusammengenommen hat sich die Gesamtstrecke von fast 140 Kilometer mehr als gelohnt. Es war eine absolut sehenswerte Nacht(!) und es hat mir viel Spaß gemacht, mit Gleichgesinnten den Nachthimmel zu bestaunen.

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