10./11. Dezember 2005 – Samstag/Sonntag

Nachdem ich bereits am Donnerstag (08. Dezember) einen kurzen Blick auf den Halbmond erhaschen konnte, sollte es zwei Tage darauf noch besser werden. Bei 100x war zwar die Luft schon leicht unruhig, aber es gab auch genügend ruhige Momente und im Gegensatz zum Donnerstag war der Abend weitestgehend wolkenlos. So ging es am frühen Samstagabend mit meinem 8-Zöller nach langer Pause an die frische Luft.

Erste Runde: 19:50 bis 21:35 MEZ

Morgenstimmung bei Mons La Hire

Blendend hell erstrahlte die Ostflanke von Mons La Hire, ein Bergmassiv mit einer Ausdehnung von 10×20 Kilometern, dass das Umland maximal 1,5 Kilometer überragt. Die Tag-Nacht-Grenze verlief genau durch das Massiv. Von einer kleinen und namenlosen Hügelkuppe bei ca. 20 Grad Nord, 24 Grad West (Karte 20 im Rükl) erstreckte sich ein etwa 20 Kilometer langer Schatten Richtung Terminator. Ungefähr 100 Kilometer weiter westlich befand sich ein noch von Nacht umfangenes, weißes Stück „Mondgestein“. Es befindet sich ungefähr bei 20 Grad Nord, 28 Grad West. Beobachten konnte ich auch, wie nacheinander zwei „Mondbrocken“ aus dem dunklen Meer der Wolken auftauchten. Zuerst waren es zwei hauchfeine Nadelstiche, die dann langsam immer heller wurden. In nordwestlicher Richtung befinden sich diese namenlosen Hügel unweit des Mons La Hire.

Bei Copernicus

Schon beim ersten Überflug von Copernicus und den im Norden angrenzenden Karpaten fiel mir eine markante Furche auf – die Rima Gay-Lussac. Westlich daneben fand sich eine weitere längliche Formation, die sich radial von Kopernikus entfernte. Ein Blick auf Karte 31 im Rükl zeigt nur eine zufällige Anordnung von kleinen Kratern und Vertiefungen. Weiter südlich warteten die gewaltigen Terrassen von Copernicus, die die inneren Brocken umgeben. In der Westseite des mächtigen Walls entdecke ich wieder die lange weiße Abbruchkante, die wie aus einem Stück gefertigt erscheint. Gelungen sind auch ein paar wenige Aufnahmen mit der Canon meiner Freundin, auf denen auch die Kette von aneinandergereihten Kleinkratern, die sich Richtung Stadius zieht, gut zu sehen ist. Den Geisterkrater Stadius selbst hab ich schlicht übersehen. Aus Daten von Apollo 12 schließt man, dass der 93 Kilometer große Copernicus vor 800 Millionen Jahren entstand.

Birt D bei 100-facher Vergrößerung

Einem feinem Haar auf dem Okular glich wieder einmal die Erhebung Rupes Recta, die sich besonders gut vom schneeweißen Meeresboden abhob; im deutschen Sprachraum wird das Oberflächenmerkmal häufig als „Lange Wand“ bezeichnet. Auf einer Länge von 110 Kilometern steigt die 2,5 Kilometer breite Flanke unter einem Winkel von nur 7 Grad an und erreicht maximal eine Höhe von 300 Metern. So hat man es hier tatsächlich eher mit einem sanften Hang, als mit einer Abbruchkante zu tun. Gleich daneben befindet sich Rima Birt. An dessen nördlichem Ende verbreitet sie sich ein wenig: Birt E. Von hier aus sind es nur noch gut 25 Kilometer. Birt D ist entdeckt, das Schmuckstück des heutigen Abends. Mit dem 10mm-Okular ging ich auf die Pirsch. Lange war nichts oder nur indirekt zu sehen, doch während der zweiten Session stand es dann zweifelsohne fest. Bei 100-facher Vergrößerung ist der nur 3 Kilometer große Krater als weißer Nadelstich einwandfrei sichtbar. Das hat mich dann doch Staunen lassen.

Richtung Süden

Das Gespann Pitatus/Hesiodus ließ ich mir auch nicht entgehen. Der nordwestliche Teil der im Krater Pitatus verborgenden Rille war auch nicht zu übersehen und anschließend ein kleiner Schwenk zur Rima Hesiodus. Im südlichsten Zipfel vom Meer der Stürme durchzog die insgesamt 300 Kilometer lange Hesiodus-Rille die Landschaft. Erst später fiel mir auch der Teil auf, der sich jenseits von Rupes Mercator hinein ins Palus Epidemiarum zieht. Auffällig war auch das Streifenmuster von Stöfler: Tychos helle Strahlen durchzogen diesen 126 Kilometer großen Krater. Zwischen ihm und Walter traten die Strahlen tatsächlich am markantesten auf. Vorsicht war bei Clavius geboten. Bei den vielen Klein- und Kleinstkratern kann man sich schon schnell verzählen, und es gibt auch noch andere Unebenheiten auf dem Grund. Die Tiefe der Wallebene wird im Internet mit rund 4,9 Kilometern angegeben. Auch hier habe ich mal ein paar digitale Schnappschüsse bei 154-facher Vergrößerung gemacht.

Zweite Runde: 23:30 bis 0:30 MEZ

Später am Abend

Die steigende Sonne hatte die Licht-Schatten-Grenze um 50 Kilometer weiter nach Westen verschoben. So würde ich auch die Länge des Schattens von Mons La Hire einschätzen. Bis zum Terminator durchzog ein spitz zulaufender, 50 Kilometer langer Schatten zwei erstarrte Lavaflüsse. Zumindest sind sie auf hochauflösenden Aufnahmen von Apollo 15 zu sehen. Und weiter schälten sich Euler und Maupertuis aus dem dunklen Mare Imbrium, Maupertuis‘ Zentralberg war schon hell erleuchtet. Der anbrechende Mondmorgen streifte also bereits den östlichsten Zipfel der Juraberge: die Gegend um Promontorium Laplace.

Die „Brücke“

Nun warf ich mal einen genauen Blick auf Pitatus und Hesiodus und setzte das 3,6mm mit der 1,5x-Barlow ein. Klar war die Luft unruhig, aber ich war doch positiv überrascht. Man konnte sich für ein paar Sekunden auf ein Objekt konzentrieren, ohne es sogleich aus den Augen zu verlieren oder ohne, dass es sich in Wohlgefallen auflöst. Ein schwarzer Streifen war zwar in der Lücke der beiden Krater auszumachen, aber ob er von dem Felsen, der die „Kraterenge“ versperrt, stammte, konnte ich nicht mit Sicherheit feststellen. Diese Struktur wird laut Interstellarum 40 mit „Brücke“ bezeichnet. Der konzentrische Krater Hesiodus, durch den sich ziemlich mittig der Terminator zog, lachte mir entgegen. Auf dem östlichen Kraterboden zeigte sich ein heller und ein dunkler Halbkreis, so dass es wie ein Smiley-Gesicht aussah. Nach der Interstellarum misst der große Krater 42 Kilometer, wobei sich in seinem Inneren zentrisch zur Mitte ein weiterer Krater mit einem Durchmesser von 14,9 Kilometer befindet; der innere Kraterwall ist etwa nur halb so groß. Ein interessanter Anblick, da diese Kraterart nicht gerade häufig anzutreffen sein wird.

Maximale Vergrößerung

Mit gleich hoher Vergrößerung flog ich auch noch über den grauen Kraterboden von Plato und das Alpental. Der ungünstige Sonnenstand brachte aber keine Kleinkrater in der weiten, lavaüberfluteten Ebene von Plato zum Vorschein. Der Krater schien überhaupt keine Unebenheiten zu besitzen. Das Alpental in den Montes Alpes war auch ein interessanter Anblick. Zum Zeichnen bin ich wegen der wunderschönen Aussicht auch wieder nicht gekommen. Die weiße Scheibe vor meinen Augen lässt mich eben nie los. Der Anblick bei „nur“ 100-fach ist einfach der Hammer.

Mond mit freiem Auge

Auch mit bloßen Augen gibt es einiges auf dem Mond zu erspähen. Neben der hellen Copernicus-Region und der Trennung zwischen Mare Tranquillitatis und dem Mare Vaporum, achtete ich diesmal auch mehr auf den langen Bogen der Kaukasus- und Apenninenberge. Außerdem fiel mir ein etwa rechteckig erscheinendes Dunkelgebiet auf. Das konnte nur Sinus Medii, die Bucht der Mitte, gewesen sein. Über die folgenden Tage habe ich mich dem Erdtrabanten noch ein paar Mal mit dem freiem Auge genähert. Eine dritte Schicht sollte es in dieser Nacht aber nicht mehr geben. Punkt 3:00 MEZ räumte ich alles wieder rein und mit diesen faszinierenden Eindrücken vom Mann im Mond schlief ich erst nach 4:00 MEZ ein.

Mit Amanda Lear zum Mond

Auch sonst war der Abend mehr als unterhaltsam. Der Nachbar von Schräggegenüber feierte seinen 50. dermaßen laut, dass für jeden was dabei war. Sämtliche Partykracher wurden aufgelegt. Bryan Adams befand sich noch immer im Sommer ’69 und Chubby Checker tanzte seinen beliebten Twist. Auch wenn keine Musikwünsche entgegengenommen wurden, war es doch ein überaus gelungener Abend. Schon allein die Tatsache, dass ein 3 Kilometer großer Krater bei 100x zu sehen ist, wird mir nachhaltig in Erinnerung bleiben. Ich finde es immer noch verblüffend, welche Abbildungsmaßstäbe man auf dem Mond mit einer geringen Vergrößerung erreicht.

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