Kunst trifft Teilchenphysik inkl. Vernissage im Deutschen Museum Bonn

Wenn jemand derzeit auf beeindruckende Weise Kunst und Wissenschaft zusammenbringen kann, die Schönheit der Natur und die Technik des Menschen in einem nie gesehenen Kontext setzen kann, dann ist es Michael Hoch (Homepage, Facebook). Er ist Experimentalphysiker bzw. „forensischer Physiker“, hat am CERN von 2007 bis 2009 am Aufbau des CMS-Detektors für die Weltmaschine LHC mitgearbeitet und ist sogar einer von 2.900 Personen, die in der CMS-Kollaboration an der Entdeckung des Higgs-Bosons beteiligt waren. Heute analysiert er keine Daten von Protonenkollisionen, sondern kann sich ganz der Öffentlichkeitsarbeit widmen, ist nun Wissenschaftsvermittler und Vollzeit-Fotokünstler und hat zwei Outreach-Programme gestartet: Art@CMS und Science&Art@School (Blog), wobei Schüler in einem Wissenschaftsatelier Kunstworkshops absolvieren können. Als ich am 08. Oktober bei „Quarks & Co“ (Minute 27:50; der WDR war wohl eingeweiht, denn nur wenige Stunden zuvor wurden die Preisträger des Physik-Nobelpreis 2013 bekanntgegeben) das erste Mal die Kunst des Teilchenphysikers Michael Hoch sah, war ich sofort begeistert und fasziniert. Kurz darauf erfuhr ich von Ralph Burmester vom Deutschen Museum Bonn, dass dort im Rahmen der aktuellen Sonderausstellung „Wolfgang Paul – Der Teilchenfänger“ einige Werke ausgestellt werden sollen und der Künstler selbst auch einen Vortrag (mit anschließender Vernissage) halten wird. Und gestern Abend war’s dann soweit.

Die Ausstellungsfläche lockt schon von weitem mit einer 1:1-Ansicht des gigantischen und hochkomplexen Teilchendetektors CMS, bzw. eher einem Viertel der 1:1-Darstellung.

Um halb 7 war noch Zeit für einen kleinen Rundgang durch die Wolfgang-Paul-Ausstellung, aber diese werde ich mir zu einem späteren Zeitpunkt noch genauer ansehen. Zu der Ausstellung gibt es außerdem wieder ein Begleitprogramm, zu dem Rainer Selmann an 8 Terminen erneut einen naturwissenschaftlichen Stadtspaziergang – diesmal in die Nußallee – anbietet.

Seit dem 13. November (und noch bis zum 24. August) wird im Deutschen Museum Bonn der Bogen vom Makro- und Mikrokosmos bis zu Pauls Nobelpreis – drei Modelle seiner Ionen-Falle sind zu sehen – gespannt.

Kurz nach 7 …

… begrüßte dann Ralph Burmester die rund 25 Gäste und stellte Michael Hoch vor, der zunächst mit weißem Schutzhelm, Gehörschutz und Kopflampe die Bühne betrat.

Der Vortrag bot einen allgemeinen Rundumschlag von der Teilchenphysik zur hochkomplexen Detektortechnik des CMS-Experiments am LHC, mit dem – zusammen mit dem ATLAS-Detektor – 2012 die Entdeckung des Higgs-Teilchens gelang. Erst kürzlich am 10. Dezember 2013 wurden Peter Higgs und Francois Englert für ihre Vorhersage des Higgs-Feldes mit dem Physik-Nobelpreis ausgezeichnet.

Zum Ende des Vortrags gab’s dann erste Einblicke in die künstlerische Arbeit des CERN-Physikers …

… und nach gut 45 Minuten lud dann Ulrike Lenk, Geschäftsführerin des Wissenschaftszentrums Bonn, nach „nebenan“ in Michael Hochs Ausstellung „Faszination Ursprung“ (läuft leider nur noch bis übermorgen) ein. Hier war der Teilchenphysiker, der zuvor den Aufbau der Welt und die Suche danach beschrieben hatte, ganz der Künstler, der das Entstehen seiner einzigartigen Werke und seine Motivation erläuterte.

Normalerweise soll man ja die Arbeit nicht mit nach Hause nehmen, aber der Fotokünstler Michael Hoch macht das und nimmt seine Aufnahmen von großen oder kleinen Bauteilen des CMS-Teilchendetektors mit, zerschneidet sie und setzt sie neu zusammen. Dabei fügt er Fotos von Apfelblüten aus dem eigenen Garten oder von Mohn und Mageriten von der Wiese ein, so dass auf wunderbare Weise die Schönheit der Natur mit der Ingenieurskunst der Weltmaschine verschmelzen. Natur und Wissenschaft fließen derart ineinander über, dass man sich sogar fragt, ob das Grün von der Blumenwiese stammt oder ein Bauelement des CMS ist. Es braucht diesen besonderen Blick um zu verstehen, wie der Mensch mit seinem Erfindergeist die Natur begreifen möchte. Und wenn man staunend vor einem der 3×1 Meter großen Bilder steht, kommt unwillkürlich ein bekannter Spruch ins Gedächtnis. Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters, denn man kann sie in der Blütenpracht genauso finden wie in der symmetrischen Geometrie und den Farben eines 14.000-Tonnen-Teilchendetektors. Das ist Wissenschaftsvermittlung im besten Sinne! Und dann ist es auf einmal glasklar – im Wort Teilchen steckt ja schon die Kunst: pARTicle.

Während der Vernissage unterhielten sich die Gäste über Gott und die Welt bzw. was sie zusammenhält (das Higgs-Feld). Der Physiker und Künstler erläuterte wie einige seiner Fotos und Fotocollagen (ein paar Bilder wechselten auch den Besitzer) entstanden, welche Bedeutung eigentlich die Farben des CMS haben, warum die aktuelle Wartung nötig ist und zudem empfahl er einen Besuch des LHC noch bis zum Herbst zu unternehmen, denn dann ist die große Pause für Upgrades und Wartung des größten Mikroskops der Welt vorüber. Dann wird auch Michael Hoch nicht mehr so leicht 100 Meter unter die Erde kommen, aber mit den bisherigen Aufnahmen seines Arbeitsplatzes ist längst ein jahrelanger Vorrat entstanden, der noch für sicherlich zahlreiche Ausstellungen und wunderschöne Fotoprojekte reichen wird. Und mit mehr Zeit im Rücken gibt’s vielleicht auch einmal einen Bildband.

Übrigens wird demnächst noch ein Blog-Interview folgen.

15.01.2014

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