Ein „Konzertsaal“ zwischen zwei Radioteleskopen

Wie schon vor einem Monat, als das Weltraumradar im Wachtberger „Golfball“ zu einem experimentellen Jazzkonzert einlud, kamen gestern Nachmittag viele Musikbegeisterte in das Eifeldorf Effelsberg zum 100m-Radioteleskop. Denn anlässlich des 40-jährigen Bestehens des Effelsberger Riesenradios war es quasi der 3.200 Tonnen schwere Ehrengast und bot selbst eine ungewöhnliche Kulisse für einen besonderen Konzertabend mit einem sinfonischen Blasorchester. Ein gesprächiger Parkeinweiser sagte mir, dass es fast 400 Anmeldungen gab. Zu Fuß ging’s für mich die Zufahrtsstraße entlang und da lugte auch schon die riesige Schlüssel zwischen den Bäumen hervor. Sogar ein Reisebus mit Solinger Kennzeichen parkte hier; es war natürlich das „Orchester-Taxi“.

Wegen des schlechten Wetters fand das geplante Open-Air-Konzert leider überdacht statt. Im Konzertzelt, das zwischen den kleinen LOFAR-Antennen und dem großen 100m-Radioempfänger aufgestellt war, war das mit knapp 70 Musikern voll besetzte Orchester mit zwei Harfen, Pauken und natürlich allerhand Blasinstrumenten gerade bei der Generalprobe. Die große Plastikbox war übrigens randvoll mit Leselampen für die Notenständer.

Danach hieß es erstmal warten bis 18:30 Uhr. Für Pauken, Fagott, Klarinetten, Oboen, Querflöten, zwei Harfen, vielen Hörnern und allerhand sonstigen Blechblasinstrumenten standen „Die Planeten“ des Komponisten Gustav Holst auf dem Konzertprogramm, und als Abschluss sollten noch einzelne bekannte Titel der Star Wars-Saga folgen. Das bekannteste Werk des Engländers Holst ist fast so alt wie der Orchesterverein aus Hilgen selbst, der dieses Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiert.

Und mitten im Notenständer-Wald warteten Fagott, Röhrenglocken und  Blechbläser.

Während sich die zahlreichen Gäste im Zelt einfanden, füllte sich langsam auch die Bühne mit den Musikern – jetzt alle schön in schwarz-weiß gekleidet. Die Instrumente wurden gestimmt.

„Wir hören in das Universum.“ So stellte Prof. Michael Kramer, einer der Direktoren des MPIfR in Bonn, hinsichtlich des musikalischen Abends den Vorteil der Radioastronomen gegenüber den Kollegen an den optischen Instrumenten vor. Damit leitete er seinen Kurzvortrag zu dem Effelsberger Teleskopgiganten, der mit 100 Meter Durchmesser den zweitgrößten vollbeweglichen Radioempfänger besitzt, ein. Im Jahr 2000 wurde er leider nur um ein paar Meter von dem neuen GBT-Radioteleskop in West Virginia übertrumpft. Im Frühjahr 1971 hatte der weiße Technikkoloß bereits sein First Light – ein Supernovaüberrest nördlich von Deneb -, nach folgenden Testbeobachtungen wurde schließlich im Sommer 1972 offiziell der Messbetrieb aufgenommen.

40 Jahre liegen nun hinter dem Radioteleskop Effelsberg. Da stellt sich durchaus die Frage wieviel Energie der riesige Reflektor in dieser Zeitspanne empfangen hat. Laut Kramer, der aufgrund seiner Arbeit mit Pulsaren als Testobjekte zur Relativitätstheorie eine Krawatte mit Einstein-Konterfei trug, sind es „Pi mal Daumen zehn millionstel Watt“.

Es gab aber nicht nur trockene Zahlen und Fakten, so wurde mit Pulsar-Hörbeispielen bereits auf den musikalischen Abend eingestimmt. Zuerst waren es die „Bongospieler“-Rhythmen langsamer Neutronensterne – z.b. des Krebspulsars -, es folgten die mit 700 Hz hochfrequenten Millisekundenpulsare mit gleichbleibendem Ton ohne Peaks und selbst ein Flug durch einen Kugelsternhaufen mit 20 solcher Pulsare wurde eingespielt. Zu hören gab es auch die neueste Entdeckung der Effelsberger Radioastronomen, denn erst letzte Woche wurde hier von einem Studenten ein neuer schneller Pulsar gefunden. Nach zu hörenden Schallwellen in der heißen strahlungsdominierten Anfangsphase des Kosmos und den an R2D2 erinnernden zwitschernden Radiolauten von Jupiter, der mit seinem Mond Io interagiert, betrat endlich mit dem Taktstock in der Hand der Dirigent die Bühne.

Und mit den ersten vier Stücken aus Holsts Planeten-Komposition begann der Konzertabend. Schon die filmreife Spannungsmusik des Planeten-Openers Mars zeigte unverkennbar Holsts Einfluss auf moderne Filmmusik-Komponisten wie John Williams oder Danny Elfman, dessen Thema aus Ang Lees Hulk deutlich rauszuhören war.

Während andere sich in der Pause bei Nieselregen mit Regenschirm bewaffnet mit Snacks und Getränken versorgten, hab ich vom LOFAR-Areal – der Weg da durch hat sogar einen Namen – ein paar Bilder zusammen mit dem überdachten weißen „Konzertsaal“ und dem 100m-Radioteleskop gemacht.

Der Dirigent und die Musiker warteten schon.

Mit den Planeten Saturn, Uranus und Neptun wurde Holsts Komposition vervollständigt. Pluto bleibt unerwähnt, da er erst kurz vor Holsts Tod entdeckt wurde und, wie der Dirigent richtig bemerkte, auch kein Planet ist. Im Anschluss folgten noch einige allseits bekannte Titel aus Stars Wars und als Zugabe wurde das Hauptthema aus Out of Africa gespielt. Für diesen wunderbaren Konzertabend folgten vom Publikum rauschender Beifall und massenhaft Standing Ovations.

Bis auf die Stühle war schon nach 10, 15 Minuten die Bühne leer, die Harfen wurden in Autos verladen und auch die vier Pauken waren bereits abfahrbereit.

Unterwegs zum Haupttor wurde der weiße Riesenreflektor geschwenkt, so dass ich noch ein paar Natur-und-Technik-Fotos machte.

Nach der Fahrt aus dem kleinen Eifeltal hatte man von Effelsberg einen wundervollen Blick auf das zwischen den Hügeln hervorlugende Riesenteleskop im Abendlicht und auf die letzten Sonnenstrahlen inmitten eines malerischen Farbenspiels.

25.06.2012

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4 Responses to “Ein „Konzertsaal“ zwischen zwei Radioteleskopen”


  1. 1 Dagobert Forner Dipl Ing . um .

    Das Effelsberg Teleskob ist besonders gut. Es interessiert ob es ein Teleskob gibt, daß besser oder genau so gut wie das Effelsber ist.

  2. 2 bluescape1 . um .

    Wie bei jedem Teleskop ist auch in der Radioastronomie der Durchmesser und die Wellenlänge/Frequenz entscheidend. Wenn es um die Größe geht, muss man natürlich auch die Radio-Interferometer berücksichtigen, denn heute können mehrere Teleskope gleichzeitig über Kontinente hinweg zusammengeschaltet werden. Aber wenn man von der Abdeckung des Spektrums ausgeht, dann ist Effelsberg tatsächlich noch ganz vorne in der Forschung dabei, denn seine Detektoren decken einen Wellenlängenbereich von 3,5mm (86 GHz) bis 21cm (1,4 GHz) ab. So heißt es in einer Ankündigung aus 2011: „This improvement allows the telescope to be used even at 3-mm wavelength. The 100-m radio telescope is in a very good condition, capable of best research in radio astronomy over a very wide frequency band.“


  1. 1 Zwei Radioteleskope, sieben Planeten, ein Orchester « Bonner Sterne Trackback zu . um .
  2. 2 Radioteleskop Effelsberg in 3sat « Zauber der Sterne Trackback zu . um .

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