Astronomie in Hamburg gestern und heute – Teil 2

Nichts erinnert mehr an die jahrhundertelange Astronomiegeschichte Hamburgs, ihre Wurzeln sind längst aus der Stadt verschwunden. Sowohl die 1722 von Johann Beyer im sog. Steerenkiker-Huus/Steerenkiekerhus eingerichtete Privatsternwarte, als auch das benachbarte Baumhaus, in dem Johann Georg Büsch ab 1790 astronomische Beobachtungen durchführte, gibt es nicht mehr. Auf dem Gelände des heutigen Sintfangs, wo Johann Georg Repsold 1802 eine kleine Fachwerkhütte als Sternwarte errichtete, während er in einem alten Artillerie-Wachthaus wohnte, steht eine Jugendherge, auf dem Grundstück der ehemaligen Sternwarte am Millerntor befindet sich heute das HamburgMuseum, auch die dazu gehörende Zeitball-Anlage auf dem Kaiserspeicher ist nicht mehr und selbst Heinrich Schumachers Observatorium in Altona ist neu bebaut worden. Sogar das Wandsbeker Schloss, in dem der berühmte Astronom Tycho Brahe ab 1597 für fast ein Jahr wohnte, bevor er nach Prag ging, existiert nicht mehr; es läge heute im Wandsbeker Zentrum.

Wenn man also Astronomie in Hamburg sucht, bleibt heute nur ein Besuch der 1912 fertiggestellten Sternwarte in Bergedorf. Und ich hatte das Glück, dass sie heute vor zwei Wochen während meines Städtetrip-Wochenendes zu ihrem 100-jährigen Bestehen zum Tag der offenen Tür einlud. Neben dem Teleskoppark freute ich mich auf die Ausstellungen im Hauptgebäude, doch ich musste erstmal feststellen, dass dafür leider kein Personal abgestellt wurde. Eine nette Mitarbeiterin hat dann extra für uns zwei die Tür zu Bernhard Schmidt aufgeschlossen. Ein Tisch ist mit vielen Originalen – den Hut etwa findet man  hier wieder – hergerichtet und zeigt ein Modell seiner Spiegelschleifmaschine.

1916 entstand aus einem an die Sternwarte Bergedorf gerichteten Brief, dem Schmidt Himmelsaufnahmen mit 31 Meter Brennweite beifügte, sofort eine enge Zusammenarbeit mit den Hamburger Astronomen. 1926 zog der „große Zauberer“ aus seiner „Hexen-Küche“ in Mittweida schließlich komplett nach Hamburg und hatte hier als freiwilliger Mitarbeiter im Keller des Hauptgebäudes seine Werkstatt.

Auch ein Modell des Großen Schmidtspiegels mit einem 1,2m-Spiegel, der Ende 1954 sein First Light hatte, ist hier zu sehen. Heute steht das Teleskop in Spanien im Calar-Alto-Observatorium und ist seit 2000 außer Betrieb.

Vom ehemaligen Schmidtspiegel-Gebäude hat man heute einen Blick auf Bernhard Schmidts Grab. Der „Per Aspera“-Schriftzug ist schon etwas abgenutzt.

Außer dem kleinen Schmidt-Museum gibt es im Hauptgebäude im oberen Flur weiter reichlich Hamburger Astronomiegeschichte. Dort steht z.b. ein Modell des 1825 fertiggestellten Repsold’schen Observatoriums am Millerntor.

30 Jahre später erhielt es einen zusätzlichen Turmanbau, dessen Kuppel heute das einzige ist, was von diesem Gebäude übrig geblieben ist, denn sie ist komplett mit Teleskop und Beobachterfahrstuhl nach Bergedorf umgezogen.

Daneben steht das mannsgroße und sehr detaillierte 1:10-Modell der Zeitball-Anlage, die 1876 auf dem Turm des Kaiserspeichers in Betrieb ging und durch ein tägliches Zeitsignal von der Millerntor-Sternwarte gesteuert wurde. Wie in Teil 1 zu meinem Städtetrip berichtet, entsteht an der Stelle des ehemaligen Kaispeichers an der Kehrwiederspitze die Elbphilarmonie.

Neben reichlich Infopostern an den Flurwänden und im Treppenhaus liegt in einer Vitrine das älteste Objektiv der Hamburger Sternwarte. 1819 wurde auf Repsolds Auftrag hin diese 108mm-Linse in Fraunhofers Werkstatt in Benediktbeuern hergestellt. Vermutlich ging seine Bestellung auf einen Brief zurück, in dem Fraunhofer ihm im März 1819 über einen „neuen Apparat“ mit 108mm Öffnung und 1,6m Brennweite schrieb, mit dem er „die Natur des Lichtes der Fixsterne“ studierte und damit z.b. helle Sterne wie Sirius, Beteigeuze und Kapella beobachtete.

Weitere interessante Kleinigkeiten findet man im Vortragsraum unter dem Cafe „Raum & Zeit“ im Besucherzentrum. In Schaukästen ruht hier gleich neben Flamsteeds Katalog u.a. das 1852 veröffentlichte Verzeichnis von Carl Rümker, der ab 1836 auf der Millerntor-Sternwarte 12.000 Sternpositionen vermaß. Dieses Werk war den Bergedorfer Astronomen rund 70 Jahre danach sogar eine Reduktion wert. Dazu wurden 5.000 Sternörter in 860 Nächten mit dem unter einem Tonnendach aufgestellten neuen Meridiankreis erneut vermessen.

Außerdem ist ein Chronometer ausgestellt, den der Hamburger Kaufmann Eduard Lippert, der bereits der Sponsor des Lippert-Astrografen war, 1919 der Sternwarte schenkte und daneben steht ein 1914 gekauftes UV-Triplett-Objektiv mit 3,45m Brennweite von Carl Zeiss Jena.

Was gab’s noch an Kleinigkeiten zu sehen? Beispielsweise diese vor dem Besucherzentrum stehende Mondkuh.

Ich bin eine Spiegelung auf der Sonnenoberfläche, denn natürlich hat das große Gelände auch einen eigenen Planetenpfad zu bieten.

Der nächste Teil führt dann durch das Sternwartengelände von Bergedorf.

23.06.2012

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