50 Jahre Röntgenastronomie im Okular

22./23. Juni 2012 – Freitag/Samstag

Obwohl jetzt wieder die Milchstraße mit ihren Schätzen in Richtung Schütze lockt, fehlt bei mir gerade in den kurzen Sommernächten manchmal die Muße rauszugehen und den 12-Zöller zu aktivieren. Letzte Nacht hab ich mich dann doch zu einer ungeplanten kleinen Mikroquasar-Spechtelsession zum Thema „50 Jahre Röntgenastronomie“ hinreißen lassen.

Abends gab’s erstmal einen Dämmerungshimmel mit schönen roten Farbtupfern. Die letzten Wolken verzogen sich und anschließend lockte eine sternenklare Nacht, in der ich selbst vom Garten aus gut das Milchstraßenband mit einer auffälligen Schildwolke über dem Schützen sehen konnte.

Hans Geiger hat sich sicherlich nie träumen lassen, dass man einmal seine Erfindung mit Raketen in den Himmel schießt, um außerirdische Röntgenstrahlen zu messen. Wenn er nicht schon 1945 an seinem schweren Rheumaleiden gestorben wäre, hätte er fast 80-jährig vielleicht noch erlebt, wie Mitte Juni 1962 drei Geigerzähler in einer Aerobee-150-Rakete in eine erhellte Vollmondnacht starteten. Eigentlich sollten sie Röntgenstrahlen vom Mond detektieren, wie weitere Flüge jedoch bestätigten, fanden sie stattdessen ein viel weiter entfernteres Objekt im Skorpion. Nach der Sonne war Sco X-1 die zweite bekannte astronomische Röntgenquelle und tatsächlich handelt es sich hier um die stärkste Röntgenquelle am Himmel überhaupt.

Kurz vor Mitternacht tastete ich mich schon mal mit einem 10×50 an die richtige Stelle etwa 11° nördlich von Antares. Punkt halb 1 hatte ich dann Sco X-1 im Okular. Naja, es war natürlich nur das optische Gegenstück V818 Sco, um das der Neutronenstern als eigentliche Röntgenquelle kreist. Den Neutronenstern kann man sogar als visueller Beobachter indirekt sehen, denn während seines Umlaufs heizt er die helle Hauptkomponente so auf, so dass es zu periodischen Lichtwechseln zwischen 12,0 und 13,0mag kommt. Bei meiner 10-minütigen Beobachtung konnte ich die Helligkeit zu 12,5mag bestimmen. Übrigens hat Riccardo Giacconi, einer der Entdecker von Sco X-1, vor zehn Jahren den Nobelpreis für Physik erhalten.

Als nächstes peilte ich V615 Cas an. Auch hier wird ein massereicher Stern von einem kompakten Objekt umkreist, dass in diesem Fall bereits als Mikroquasar bezeichnet wird. Ende der 1970er Jahre wurde das Sternsystem als Radioquelle entdeckt und seit ein paar Jahren ist es sogar als TeV-Beschleuniger höchster Energien bekannt. Mit der Aufsuchvergrößerung von etwa 40-fach war von diesem hochenergetischen Objekt im Okular nur ein 10,8mag heller Lichtpunkt zu sehen. In unmittelbarer Nähe steht der Planetarische Nebel WeBo 1, über den ich diese Woche berichtet habe. Hier musste das 9mm-Okular her, aber natürlich sah ich hier nur indirekt den zentralen 14,5mag hellen Riesenstern, in dessen Licht sich ein sehr heißer Weißer Zwerg verbirgt.

Anschließend wollte ich zuerst zur Seyfert-Galaxie IRAS 01072+4954, es ging dann aber doch hoch in den Schwan zur nächsten Röntgenquelle. Direkt in der Nähe von eta Cyg ist Cyg X-1 bzw. der helle Stern HDE 226868 als 8,9mag heller Lichtpunkt schon im Sucher sichtbar, in einer Linie aus zwei gleich hellen Nachbarsternen. So gesehen dürfte es sich hierbei um das hellste Sternsystem mit einem Schwarzen Loch handeln. Bei diesem Mikroquasar wird ein 30.000 Kelvin heißer Überriese von einem Schwarzen Loch mit 15 Sonnenmassen und einer Umlaufperiode von 5,5 Tagen umkreist. 1964 wurde diese Röntgenquelle ebenfalls mit Geigerzählern in einer Aerobee-Rakete entdeckt.

Als Abschluss meiner Mikroquasar-Tour bin ich zu SS 433, dem Prototypen dieser Klasse, im Sternbild Adler. Zumindest wollte ich das, denn offensichtlich hatte sich schon eine gewisse Müdigkeit eingestellt und wer ahnt denn auch, dass SS 433 und SS 443 beide im gleichen Sternbild stehen. So bin ich schließlich beim ungefähr 13,0mag hellen Emissionslinien-Stern SS 443 gelandet.

Mit dem 10×50 war ich zwischendurch noch kurz bei BD+48 740, von dem ich erst ein paar Stunden zuvor eine interessante Arbeit gelesen hatte. Mit dem Fernglas war das Feld zwischen Perseus und Andromeda gut zu finden, der Zielstern steht nur ein halbes Grad südwestlich von theta Per. Bei diesem  8,7mag-Stern handelt es sich um einen lithiumreichen Stern auf dem Riesenast. Aus dieser Eigenschaft und dem Fund eines umkreisenden Planeten auf sehr exzentrischer Bahn schließt man, dass der Riesenstern kürzlich einen Gesteinsplaneten verschlungen haben könnte.

Irgendwann kurz nach 3 – der Nachthimmel hellte sich bereits sichtbar auf – beendete ich meine kleine Beobachtungsrunde im Garten. Auf den „kaputten Jupiter“ wollte ich dann doch nicht mehr warten. So habe ich in dieser Nacht zwar nur wieder Lichtpunkte beobachtet, aber es macht einfach Spaß bei einigen Sternen aus diesem unendlich großen Meer voller Sonnen mal genauer hinzusehen. Dann werden im Okular aus bloßen Punkten kochende Kugeln aus Gas, Plasmawelten mit unvorstellaren Eigenschaften und unerreichbare Physiklabore, die man sogar mit einem Geigerzähler „sehen“ kann. Denn wie heißt es bei „Fringe“ so schön? „Benutzen sie ihre Fantasie.“

23.06.2012

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