Astronomie in Hamburg gestern und heute – Teil 1

Glück muss man haben. Genau an dem Wochenende unseres seit Monaten geplanten Hamburg-Trips lud die Sternwarte in Bergedorf zum Tag der offenen Tür ein. Ein Tag nach dem grauen Venusdurchgang-Mittwoch ging’s los; daran, dass der Transit in Hamburg beobachtbar war, dachte ich absichtlich nicht mehr. Umso mehr lockte am Samstagabend die einstige Arbeitsstätte von Baade und Schmidt in Bergedorf.

Nach Ankunft in der Hansestadt mit seinen fast 2.500 Brücken ging’s direkt zum Planetarium im Hamburger Stadtpark. Spatenstich für diesen rund 60 Meter hohen Wasserturm war vor genau 100 Jahren, wegen des Krieges konnte der Bau erst 1915 beendet werden. Keine 10 Jahre war der Wasserturm regulär in Betrieb, 1925 wurde bereits ein Planetariumsprojektor bei Carl Zeiss Jena bestellt, der über 3 Millionen Liter fassende Tank befindet sich noch heute in dem roten Backsteinbau.

Übrigens befand sich bis 2002 direkt über dem Schriftzug „Planetarium“ eine nach Repsold benannte Volkssternwarte.

Im April 1930 – 2 Monate nach der Entdeckung Plutos – fand die erste Planetariumsvorführung in dem ehemaligen Wasserturm statt. Im Jahr darauf zählte man bereits über 100.000 Besucher. So informiert eine Ausstellung im Eingangsbereich zur Geschichte des Hamburger Planetariums. In einem Schreiben vom 31. März 1930 kann man nachlesen, wie den geschätzten Einnahmen von 59.000 Reichsmark (1 Reichsmark Eintrittsgeld) Ausgaben von 21.200 Reichsmark gegenüberstehen. „Bitte ausprobieren!“ lockt heute außerdem ein Stuhl aus der originalen Bestuhlung.

Die gezeigte Replik von Coronellis großem Himmelsglobus von 1683 hat zwar keinen Hamburgbezug, ist aber auf jeden Fall ein Blickfang. Der im Original 3,8 Meter große Globus wurde für den Sonnenkönig Ludwig XIV. angefertigt und sollte eigentlich das Schloss Versailles schmücken. Dies erklärt auch ein mir zuvor unbekanntes Sternbild auf dem Globus: „La Fleur de Lys“ kann man hier nachlesen. Dieses Bild über dem Rücken des Widders soll eine stilisierte Lilie – zu Ehren des Sonnenkönigs – darstellen.

Anhand des links neben Orion dargestellten Stiers erkennt man die damals übliche „seitenverkehrte“ Bauweise.

Da wir die geplante Vorführung nur um 3 Minuten verpasst hatten, musste die Aussichtsplattform als Entschädigung herhalten. Hier hat man aus 42 Meter Höhe einen tollen Blick auf die Grünflächen des Parks mit dem Stadtparksee und in Richtung Elbe auf die fernen Kirchturmspitzen des Stadtkerns.

Im Treppenhaus hingen großformatige Poster.

Witzig sind auch die WC-Schildchen gestaltet.

Und nach diesem kurzen Planetariumsbesuch verabschiedeten wir uns von der Space-Cow, bei der sogar an den lebensnotwendigen Funkkontakt gedacht wurde.

Donnerstagabend schauten wir noch beim Hamburger Michel vorbei. Übrigens hat die Kirche St. Michaelis sogar eine interessante wissenschaftliche Vergangenheit vorzuweisen. So wählte man für eine Landvermessung seine Turmspitze als Hamburgs geodätischen Nullpunkt. Wenig später im Oktober 1818 nutzte auch Gauß den Kirchturm für seine Vermessungsarbeiten und peilte ihn von Lüneburg aus an. Im Nachhinein ärgerte sich der Göttinger Mathematiker darüber, da er „als Zielpunkt der allerschlechteste“ war, denn der hohe Turm schwankte um eine halbe Bogenminute.

Und doch führte diese Beobachtung zu einer neuen Erfindung – heute als Heliotrop bekannt -, wie Gauß später berichtete. Über seine Idee schrieb er Ende 1820 an Olbers: „Erste Veranlassung gab dazu die Erinnerung an eine Erfahrung, die ich 1818 in Lüneburg machte, wo ich in der Entfernung von 6 Meilen [44,5 Kilometer] das zufällig von einem Sonnenstrahl getroffene Fenster des obersten Kabinets im Michaelisthurm in Hamburg als einen überaus glänzenden Lichtpunkt sah.“

Und genau 2 Jahre später führte Gauß im Oktober 1820 hier vom Hamburger Michel erste Testbeobachtungen mit dem anfangs „Heliostat oder Heliotrop oder Sonnenspiegel“ genannten Instrument durch. Sogar das 60 Kilometer bzw. 8 Meilen entfernte Lübeck wollte er von hier aus anpeilen.

Zuvor ist der Kirchturm bereits durch Fallexperimente bekannt geworden. Den in Elberfeld bei Wuppertal geborene Johann Friedrich Benzenberg, der bei Lichtenberg Astronomie studiert hatte, zog es um 1800 in die Hansestadt an der Elbe. Zunächst greift er hier nochmal sein Dissertationsthema auf – „Ueber die Bestimmung der geographischen Länge durch Sternschnuppen“ – und beobachtete vom heutigen Stadtteil Hamm weiter Sternschnuppen. Noch Jahrzehnte danach schrieb er: „Uebrigens bleibe ich bei der Meinung die Lichtenberg im Jahr 1798 hatte, dass der Mond ein unartiger Nachbar ist, weil er die Erde mit Steinen begrüsst.“

In den Jahren 1801 und 1802 wird der Kirchturm von St. Michaelis zu Benzenbergs Physiklabor. Ein halbes Jahrhundert vor Foucault und seinen Pendelversuchen ließ Benzenberg für den Nachweis der Erdrotation hier im Turminneren Bleikugeln unterschiedlicher Größe aus einer Höhe von 76 Metern fallen. Unten schlugen sie in dafür vorgesehene Holzbretter, wobei es fast zu einem tödlichen Unfall seines Helfers gekommen wäre. Benzenberg schrieb: „Ich selbst konnte bey der Beobachtung nicht hinunter sehen und schneide die folgende Kugel los, welche so dicht an Karstendik vorbey fällt, dass sie ihm den Hut und die Perücke abschlägt und etwas an der backe streift.“

Die bei diesen Fallversuchen von Benzenberg gemessene Ostabweichung von 9 Millimetern wurde auch von Gauß mathematisch bewiesen.

Und was bietet der Michel nach 200 Jahren? Heute lockt der Turm nachts auf die 106 Meter hohe Aussichtsplattform und bietet ein tolles Panorama über Hamburgs Meer aus bunten Lichtern und Spiegelungen. Aus Benzenbergs Stadt von damals mit nur 120.000 Einwohnern ist eine Millionenstadt mit der heute typischen Lichtverschmutzung geworden.

Zu zweit ging’s am Freitag in die Speicherstadt und verbrachten die nächsten Stunden im Miniatur-Wunderland. Inmitten von riesigen Modelllandschaften, -flughäfen und -städten, detailverliebten Alltagsszenen und Gleisen so weit das Auge reicht, fand ich auch die eine oder andere abgespacete Miniatur. Beispielsweise ist das im Schweiz-Abschnitt dargestellte Observatorium der Gornergrat-Sternwarte  nachempfunden. Die Türme des originalen Berghotels erhielten in den 1960-Jahren zwei Kuppeln, unter denen sich ein Infrarot- sowie ein Radioteleskop befand.

Kleine grüne Männchen konnte man auch entdecken. Mal spielten sie Basketball, mal experimentierten sie in Area 51 oder sie versteckten sich vor UFO-Gläubigen. Ich kann mir nicht helfen, aber ich musste hier unwillkürlich an CENAP-Chef Werner Walter denken.

Und direkt neben Las Vegas konnte man regelmäßig die Endeavour beim Liftoff verfolgen. Ja, die Shuttles fliegen also doch noch.

Zurück ans Elbufer. Von den Landungsbrücken fällt seit Jahren unweigerlich der Blick auf die größte Kulturbaustelle Europas. An der Stelle, wo heute die Glasfassaden der Elbphilharmonie gleichsam mit den Kosten in die Höhe schießen, fiel auf dem Dach des Kaispeichers A 2x am Tag der Hamburger Zeitball. Aus ähnlicher Perspektive und mit etwa vergleichbarem Größenverhältnis sah der sog. Kaiserspeicher damals noch so aus. Deutlich ist hier die Zeitball-Anlage auf dem Speicherturm zu sehen.

5 Kilometer von den Landungsbrücken flussabwärts wartete ein nächstes Ausflugsziel. Eine lange Treppe mit 141 Stufen, die passenderweise den Namen Himmelsleiter trägt, führte hier ans Elbufer. Perfektes Segelwetter wie man an dem regen Verkehr auf der Elbe sah. Schließlich kam am Sandstrand der große Granitblock in Sicht: Der alte Schwede, der älteste Einwohner Hamburgs. Treffender kann man diesen 4,5 Meter hohen Findling nicht bezeichnen. Dieser rund 1,7 Millionen Jahre alte Brocken wurde in Südschweden von den eiszeitlichen Gletschermassen mitgerissen und lagerte sich hier vor vielleicht 400.000 Jahren ab. Im Herbst 1999 wurde er in der Elbe auf der Höhe von Övelgönne gefunden, im Juni darauf wurde er eingebürgert.

In Teil 2 folgt mein Besuch der Hamburger Sternwarte in Bergedorf.

15.06.2012

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