„Stellare Klänge“ im Wachtberger Weltraumradar

Was verschlägt zwei Musiker aus Köln, einer in Polen geboren, der andere mit iranischen Wurzeln, in die weiße Kuppel der Großradaranlage in Wachtberg? „Töne öffnen Türen“ – so das Motto des Tonfolgen-Festivals – und dieses Jahr lud eben auch das Fraunhofer-Institut zu einem ungewöhnlichen Konzertabend direkt unter dem 34m-Weltraumradar ein. Weitere Konzerte an „sonst verschlossenen Orten“ finden z.b. in der JVA Rheinbach, einem Talsperren-Pumphaus oder einem Flugplatz-Hangar statt.

Und da ich nun seit zehn Jahren hier mit dem „Golfball“ vor der Nase wohne, hab ich doch glatt die Gelegenheit genutzt, mir das Radar endlich aus der Nähe anzugucken. Bei meiner Ankunft gestern Abend (01. Juni) war der Besucherparkplatz schon voll, der „Konzertsaal“ in der 49 Meter messenden Radarkuppel dagegen irgendwie (fast) leer.

Bei genauem Hinsehen konnte man verfolgen, wie sich kaum merkbar das riesige Weltraumbeobachtungsradar TIRA Bogenminute für Bogenminute bewegte.

Das Radom füllte sich langsam und der große Parabolspiegel über uns wird bestaunt.

Experimenteller Jazz ist nicht jedermanns Sache, am Ende war dieser ungewöhnliche Konzertsaal trotzdem voll, die Altersspanne in dem gut gemischten Publikum reichte von 10 bis 70 Jahren.

Kurz vor dem Beginn um 20 Uhr zog noch eine wilde Karussellfahrt, um die Wendigkeit und Geschwindigkeit der TIRA-Antenne (24° pro Sekunde) zu demonstrieren, alle Blicke auf sich.

Nach begrüßenden Worten des Bürgermeisters von Wachtberg, folgten einige einführende Worte von Hochfrequenzphysiker und Institutsleiter Professor Ender (die Radarverfolgung des aufgegebenen Envisat kostet übrigens pro Überflug 2.000, 3.000 Euro). Es wurde kurz das Arbeitsfeld des FHR-Instituts und die Überwachungstätigkeit der erdnahen Orbits mit TIRA erläutert; zu 12% wird hier Weltraumbeobachtung betrieben.

Nebenbei erinnerte er sich noch an die 4.500 Besucher, die 2004 zum 100-Jahr-Jubiläum ins Wachtberger Radom strömten. Und nach einigen Fachbegriffen aus Physik und Technik folgte nach dem Weißen Rauschen schließlich die Überleitung von Stardust – Sternenstaub – zu dus-ti, obwohl  der Projektname des Kölner Musikerduos nicht in diesem Sinne „staubig“ meint. Die Konzertbesucher in der Großradaranlage warteten jetzt alle gespannt auf „stellare Klänge“ an diesem „magischen Ort“.

Ferne Trompetentöne waren zu hören, es trommelte blechern, aber wo waren die Musiker? Eine Hälfte des Duos,  stand mit seinem Instrument über der Bühne am Geländer und nutzte das raumfüllende Echo voll aus. Der Drummer versteckte sich währenddessen hinter zwei großen Metallobjekten, so wurde das trichterförmige Gerät vielseitig als Schlaginstrument eingesetzt. Später erfuhren wir erst, dass es sich dabei um Ersatzteile der großen 240 Tonnen schweren Parabolantenne über uns handelt.

Um genau zu sein handelt es sich links um einen Hornstrahler des Parabolspiegels und rechts um den sekundären Cassegrain-Spiegel. So kamen aus einem für Radiowellen gebauten Instrument plötzlich Schallwellen. Diese Verbindung ergab ein ganz besonderes Klangerlebnis. Das war wirklich was einzigartiges. Wann wird sonst auf Bauteilen eines Weltraumradars getrommelt oder darin sitzend sogar auf der Trompete gespielt?

Und das war nur das Intro.

Wer zumindest schon mal den Namen Nils Petter Molvaer gehört hat, war an diesem Abend in der weltgrößten Radarkuppel goldrichtig. Genau an seine Musik erinnerte mich das virtuose Trompetenspiel von Pablo Gwi. Neben ihm holte Mirek Pyschny mit Sticks, Besen und Händen alle möglichen Sounds aus der Snare. Die Bassdrum war weniger zu hören, aber wenn, dann wummerte sie durch’s  ganze Radom. Geradlinige Rhythmen oder Loops gab es fast nicht, so hat ihr improvisiertes Spiel einen ganz besonderen Reiz. Und sogar Professor Ender wippte im Takt.

Mal langsam, dunkel und verhalten, dann wieder groovig mit Synthie-Klängen oder wild und laut krachend, dass man meint, eine Supernova zu hören – diese Musik lässt sich nicht beschreiben, man muss sie einfach hören. Durch die Reduktion auf zwei Instrumente können sich ihre akustisch und elektronisch erzeugten Klangwelten erst recht vollends entfalten. Die experimentierfreundigen Musiker hatten zudem sichtlich Spaß mit der Akustik im Radom bzw. dem raumfüllenden Wiederhall in der Radaranlage zu spielen. Auf diese Weise trug auch der 49m-Kuppelbau zu diesem wunderbaren Konzertabend bei.

So entstand zusammengenommen direkt unter dem Weltraumradar ein ganz besonderer Klangkosmos. Eine ganz eigene Musik an diesem „magischen Ort“.

Hauptsächlich waren nur Schlagzeug und Trompete zu hören, nebenbei wurde auch mit elektronischen Elementen gespielt – eine Hand am Synthie, die andere an den Ventilen.

Mit der Trompete vor dem Lautsprecher wurden (gewollt) zusätzlich verzerrte Rückkopplungseffekte erzeugt.

Am Ende des Konzerts wurde ihnen als Dankeschön vom Bürgermeister ein Präsent in Kugelform aus dem Wachtberger Töpferdorf Adendorf überreicht.

Ich als Laie was experimentelle Musik angeht, würde ihren Stil vielleicht Ambient-Jazz nennen, sie selber ordnen sich eher Now-Jazz oder Noise zu, und bei ihrem Auftritt vor wenigen Tagen beim Avantgarde-Jazzfestival in Moers, wo auch schon Nils Petter Molvaer spielte, ging es sogar in Richtung Heavy Metal Jazz. In weiteren Gesprächen zeigte sich Giw, der schon mit 6 Jahren das Trompetenspiel begann und übrigens beim Sohn des berühmten Musikpioniers Karlheinz Stockhausen lernte, ganz begeistert von der Radom-Location. Er meinte, der Klang hier in der Radarkuppel sei fast vergleichbar mit einer großen Moschee in Isfahan, in der ein glasklares 7-faches Echo zu hören ist.

Nach der Zugabe wurde wie schon in der Pause nach Autogrammen gefragt. Und es wurde sogar ein Kontakt geknüpft, der sie vielleicht in den Kölner Dom bringen könnte.

Elektronik am Schlagzeug, inkl. Beckensprung.

Diverse Synthesizer mit Trompete und Dämpfern.

Das Musikerduo dus-ti vor einem Hornstrahler des TIRA-Weltraumradars.

02.06.2012

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