Ein Rheinländer als chinesischer Astronom mit Geheimakte

Wer sich über Argelander hinaus mit der Astronomiegeschichte der Bonner Region beschäftigt, wird feststellen, dass sie 400 Jahre weit zurückreicht, bis zu einem Mann namens Johann Adam Schall von Bell. Er stammte aus einem Adelsgeschlecht in Lüftelberg (eine Straße ist hier nach ihm benannt), was heute zu Meckenheim gehört. Trotz seiner familiären Herkunft wollte er sich weltlichen Dingen widmen, wurde schließlich Jesuit und ging als Missionar nach China, wo er als Astronom zum Leiter der kaiserlichen Sternwarte in Peking aufstieg.

Durch Zufall ist mir letzte Woche in einer Bonner Mensa ein Flyer zu der Ausstellung „Europa trifft China trifft Europa“ in die Hände gefallen. Hier geht es um das Wirken der europäischen Missionare in China vor rund 400 Jahren und den daraus entstandenen Kultur- und Wissensaustausch – und mittendrin der Astronom Schall von Bell aus Meckenheim. Neben dieser Ausstellung der Bundeskunsthalle zum Chinesischen Kulturjahr in Deutschland stehen noch zahlreiche weitere Veranstaltungen in Bonn auf dem Programm. „Die Veranstaltungsreihe umfasst eine große Zahl an Vorträgen, Ausstellungen, Symposien, Konferenzen und Foren und ist ein besonderes Aushängeschild für Bonn als internationalem Standort für hochwertige Bildung, Kultur und Wissenschaft“, heißt es von Schirmherr und Oberbürgermeister Nimptsch.

Vorbei an der Fassade der Bundeskunsthalle mit der großen Ausstellung zum 40. Todestag von Romy Schneider ging es zu einem Nebengebäude auf der Südseite. Die nicht mehr vollständige Bambuskonstruktion – ursprünglich war es ein Ikosaeder (Zwanzigflächner) – wies mir den Weg. Auf Facebook war dazu zu lesen: „Dieser Körper der Euklidischen Geometrie, gefertigt aus dem chinesischsten aller Baustoffe, symbolisiert den Wissenschaftstransfer von West nach Ost.“

IMG_0556Aus Bambusholz und großen Leinwänden ist eine kleine aber feine Ausstellung zu den im 17. Jahrhundert nach China gereisten Jesuiten Ricci, Trigault, Schreck und Schall von Bell entstanden.

Bei meinem Besuch gestern Mittag (29. Mai) wurde gerade eine Schulklasse durch den kleinen Ausstellungsraum geführt. Es ging um die Alte Sternwarte in Peking, den ersten bekannten Todesfall durch Tabakkonsum (von Schreck entdeckt), sowie den europäischen Einfluss in der chinesischen Kunst, und vor der Schautafel zu Schall von Bell wurde aufmerksam der Geschichte des vor 420 Jahren geborenen Jesuitenmissionars aus Lüftelberg zugehört.

Schall von Bell wurde 1592 geboren und besuchte das Kölner Dreikönigsgymnasium, bevor er 1611 dem Jesuitenorden beitrat und 1617 die Priesterweihe erhielt. Zusammen mit einer Gruppe Jesuiten machte er sich im April 1618 von Portugal aus auf den langen Weg in den fernen Osten. Die 22 Missionare, darunter Nicolas Trigault und Johann Schreck, erreichten nach einer 15-monatigen Seereise endlich China. Mit diesem Schiff gelangten außerdem Galileis Entdeckungen und das kurz zuvor erfundene Fernrohr in das ferne Kaiserreich.

Um mit ihren Zahlen wieder erfolgreich Finsternisse berechnen zu können, beauftragten die chinesischen Astronomen Johann Schreck mit einer überfälligen Kalenderreform. Er hoffte auf Hilfe von Galilei und schrieb: „Von Galileo wünsche ich sehr, wie ich auch zu anderer Zeit geschrieben habe, die Berechnung der Finsternisse […] aus seinen neuen Beobachtungen; denn sie sind uns dringend nötig zur Verbesserung des Kalenders.“ Eine weitere Bitte fiel 1627 – vier Jahre nach dem Abschicken – Kepler in die Hände: „Die Chinesen möchten ihren Kalender verbessern, in dem die Vorhersage der Finsternisse […] die Hauptrolle spielt.“ Seine Rudolfinischen Tafeln erreichten allerdings erst 1646 das ferne China. Aber auch ohne Hilfe aus Europa konnte er die Sonnenfinsternis im Juni 1629 auf die Minute vorausberechnen.

Die geplante Kalenderreform sollte endlich beginnen. Nach Schrecks Tod 1630 wurde Schall von Bell nach Peking ins Kalenderamt berufen und sollte schließlich die notwendige Arbeit durchführen.

Der rheinländische Jesuitenpater, der sich jetzt Tang Jo-Wang oder Tang Ruowang nannte, erlangte durch den Wechsel von der Ming- zur Mandschu-Dynastie das Vertrauen gleich zweier Kaiser. So wurde der „Lüftelberger in Peking“ nach der richtig vorhergesagten Sonnenfinsternis von September 1644 als erster Europäer Direktor des Astronomischen Amtes, damit Leiter der Alten Sternwarte, und stieg sogar als Mandarin 1. Klasse zum Staatsbeamten höchsten Ranges auf – symbolisiert durch den Kranich auf seinem Mandaringewand. Selbst Jahrhunderte später wurde Schall von Bell noch als „einer der kräftigsten Minister, die China je gehabt“ gewürdigt.

Der geistliche Astronom, der vom jungen Kaiser Shunzhi „Großvater“ genannt wurde, erhielt zudem im April 1653 den für ihn geschaffenen Ehrentitel „Die Geheimnisse des Himmels ergründender Lehrer“. Die Urkunde zeigt einen Text mit Drachenumrandung: „Der Himmel hat uns einen weisen Mann geschenkt, der die Zeiten messen, die Fehler von Jahrtausenden verbessern und einen vortrefflichen Kalender für unsere Dynastie abfassen konnte.“

Unbekannt war mir bisher die Geschichte um einen Prozess gegen ihn. Denn mit einem politischen Eklat wendete sich schließlich das Blatt gegen den hoch angesehenen Gelehrten vom Rhein. 1664 wurde er für schuldig am frühen Tod von Kaiser Shunzhi gehalten. Wegen Hochverrats wurde der 72-jährige Schall von Bell eingekerkert, das anschließende Urteil sollte mit der grausamsten Todesstrafe vollstreckt werden: Zerstückelung bei lebendigem Leib. Nach einer Kometensichtung, einem Erdbeben und einem Großbrand im Palast – alles im April 1665 – war man plötzlich von seiner Unschuld überzeugt und es kam doch noch zum Freispruch des alten Mannes. Im Jahr darauf starb er als vielleicht bedeutendster Jesuitenmissionar in China „aus dem Lande Germanien am westlichen Ozean“, wie es auf seinem Grabstein heißt.

In einem in der Ausstellung gezeigten Film ist sogar der Umschlag mit der Geheimakte zum Prozess zu sehen.

Übrigens verfasste der Astronom 1626 auf chinesisch die Schrift „Über das Fernrohr“, im Original „Yuan-Jing-Shuo“. Darin beschrieb er das Teleskop, die Projektionsmethode mit Seidenpapier zur genaueren Beobachtung von Sonnenfinsternissen und das damals noch gültige Weltbild von Tycho Brahe. Es wurde sogar vermutet, ob eine darin dargestellte Zeichnung die erste Beobachtung des Krebsnebels M 1 zeigen könnte, nach abschließender Beurteilung konnte dies allerdings nicht bestätigt werden.

Schall von Bells Nachfolger am Kaiserhof wurde der aus Belgien stammende Pater Ferdinand Verbiest. Er ist vor allem durch die um 1670 durchgeführte Neuausstattung der in der Ming-Dynastie aufgebauten kaiserlichen Sternwarte in Peking bekannt. Zum Vorbild nahm er sich dabei Tycho Brahes Observatorium bzw. seine Instrumente. Der hier links dargestellte Sextant hat im Original einen Radius von 2,4 Metern.

Neben den großen Leinwänden und einzelnen Büchern wurden auch zwei Repliken im Maßstab 1:14 gezeigt. Hier ist z.b. nicht nur die Halterung mit zwei chinesischen Drachen verziert, auch der Quadrant ist mit einem dekoriert. Das im Original aus Messing gefertige Instrument hat einen Radius von 1,8 Metern und wurde ebenfalls 1673 von Verbiest für die Sternwarte (hinten links) gebaut.

Es war sogar ein Nachbau in Originalgröße geplant, mit dem draußen tatsächlich Beobachtungen durchgeführt werden sollten, bei Kosten von einigen 10.000 Euro konnte dies aber nicht umgesetzt werden.

Mit den Missionaren kam auch die westliche Mathematik nach China. Hier gründete Matteo Ricci 1583 die erste Jesuitenmission. Nach anderthalb Jahren Ausarbeitung erschien 1607 die von ihm zusammen mit einem chinesischen Gelehrten durchgeführte Übersetzung der ersten sechs Bücher von Euklids Elemente. So erklärt sich auch die geometrische Bambuskonstruktion vor dem Gebäude.

Aber nicht nur die von den Jesuiten in China gelehrte Astronomie und Mathematik wurde dargestellt, ebenso wurden hier Medizin, Kartografie, Technik, Botanik oder der aus Europa mitgebrachte künstlerische Einfluss am Hof des chinesischen Kaisers thematisiert.

31.05.2012

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